Willkommen im Mädchenland: Das Kostbarste einer Khasi-Familie sind die Mädchen – sie vererben den Namen, versorgen die Eltern und verwalten den Familienbesitz. Die junge Fotografin Karolin Klüppel begab sich auf eine Reise in den äußersten Nordosten Indiens und schuf ein beeindruckendes Porträt der Khasi, eine der wenigen matrilinearen Ethnien weltweit. Ihre Publikation »Mädchenland« spiegelt die Lebenswelt der in dieser Gesellschaftsform heranwachsenden Frauen und enthüllt eine noch weitestgehend unbekannte Seite des indischen Subkontinents.
Im Bundesstaat Meghalaya im äußersten Nordosten Indiens bildet der Volksstamm der Khasi mit mehr als einer Million Angehörigen den größten Bevölkerungsanteil. Die Khasi sind eine matrilinear organisierte Gesellschaft, in der den Mädchen eine besondere Rolle zuteilwird: Nur Töchter sichern die Kontinuität einer Familie, Kinder erhalten den Namen der Mutter. Die jüngste Tochter eines Clans, genannt Khadduh, wird in der Erbfolge bevorzugt, denn ihr Ehemann zieht in das Haus ihrer Familie. Ihr kommen aber auch besondere Aufgaben zu. Es wird erwartet, dass sie die Eltern umsorgt und für alle innerhalb des Clans ein offenes Haus und Unterstützung bietet. Diese ganz auf weibliche Bedürfnisse aufgebaute Kultur garantiert den Mädchen und Frauen in Meghalaya eine für Indien einzigartige wirtschaftliche und soziale Unabhängigkeit.
Das Dorf gilt als das sauberste Dorf Indiens und ist unter dem Namen »God's own garden« bekannt. Dort lernte Karolin Klüppel die Kultur der Khasi kennen. Die Fotografin verbrachte mehrere Monate unter den 500 Bewohnern und schloss sich dem Alltag der Familien an. Ihren Aufenthalt hielt sie in ihren Bildern fest. Im Spannungsfeld zwischen Dokumentation und Inszenierung zeichnen sich ihre Fotografien durch einfühlsame Kompositionen aus. Wie eine Regisseurin setzt Küppel die jedem Motiv zugrunde liegende Konzeption schrittweise um und erzählt mit jedem Bild eine Geschichte über das Leben der Khasi. Den Mädchen gefiel die Zusammenarbeit - und nicht immer überließen sie der deutschen Fotografin die Ideenfindung: »Immer wenn ich den Mädchen begegnet bin, sollte ich sofort ein Foto machen. Manchmal erlaubten sie mir, ihr Porträt zu inszenieren, eine Bühne für sie zu entwerfen. Häufig waren sie es aber auch, die mich dirigierten, damit ich genau das Bild aufnahm, das sie sich vorstellten«, beschreibt Karolin Klüppel ihre Arbeit.
Entstanden ist ein Porträt einer noch weitestgehend unbekannten Seite des patriarchal geprägten Indiens. Die Publikation »Mädchenland« versammelt 36 Arbeiten der Reihe in einem Künstlerbuch. Im Fokus stehen die Porträts der heranwachsenden Frauen in ihrer alltäglichen Umgebung: So sitzt ein Mädchen auf einem Küchenschrank neben einem mit Obst gefüllten Plastikkorb, eines ist in ein prächtig glänzendes Sonntagskleid gehüllt und hält einen lebenden Hahn im Arm und eines lässt schillernde Käfer über sein Gesicht krabbeln. Die jungen Mädchen wirken stets natürlich. Sie spielen, bewegen und verkleiden sich, als befände sich keine Kamera in der Nähe. Und doch haben die farbintensiven Aufnahmen nichts Spielerisches. Sie scheinen vielmehr vorwegzunehmen, dass die Mädchen eines Tages viel Verantwortung tragen müssen – und es teilweise schon heute tun.
»Bereits in sehr jungem Alter übernehmen die Kinder Verantwortung. Schon vor dem achten Lebensjahr kümmern sie sich beispielsweise um den Haushalt und übernehmen die Betreuung der jüngeren Geschwister«, so Karolin Klüppel. »Auf den ersten Blick mag dies wie eine Einschränkung der Kindheit wirken, doch ich habe nie glücklichere und selbstbewusstere Mädchen getroffen als in Mawlynnong.«
Die Männer im Dorf arbeiten sechs Tage die Woche, hauptsächlich in der Landwirtschaft und bleiben traditionell mittellos. Die meisten erfüllt ihre Zugehörigkeit zu der einzigartigen Kultur mit großem Stolz. Doch zunehmend fühlen sich die Männer der Khasi nicht ausreichend anerkannt, viele sind Alkoholiker oder konsumieren Drogen. »Ich begegnete glücklichen Müttern, selbstbewussten Töchtern und stolzen Vätern und ich erfuhr, welche Konflikte in einer Gesellschaft entstehen können, in der Männer nicht die gleichen Rechte haben wie Frauen. Darin ähneln die Khasi allen Gemeinschaften, in denen die Rechte ungleich verteilt sind«, beschreibt die Fotografin ihre Erfahrungen im indischen Dschungel. Soziale Probleme klammert Klüppel in ihrem Fotoprojekt allerdings bewusst aus. Sie wollte nicht analysieren, sondern beobachten und mit viel Einfühlungsvermögen einen außerordentlich sensiblen Einblick in das »Land der Mädchen« gewähren.
Für ihre Arbeit erhielt Karolin Klüppel mehrere Auszeichnungen, darunter den Canon Profifoto Award 2014 und den Felix Schoeller Award im Jahre 2015. Ihre Arbeiten wurden in renommierten internationalen Magazinen wie The National Geographic Magazine, The New York Times, The Independent, The Huffington Post oder auch in The Washington Post veröffentlicht.
KAROLIN KLÜPPEL MÄDCHENLAND | KINGDOM OF GIRLS . Hrsg. Karolin Klüppel, Texte von Andrea Jeska, Karolin Klüppel, Gestaltung von Hannah Feldmeier . Deutsch, Englisch 2016. 92 Seiten, 38 Abb. 23,00 x 26,00 cm Gebunden . ISBN 978-3-7757-4206-1 . 34 € hatjecantz.de
