Seit 2010 kuratiert Simone Förster als Sammlungsleiterin der Stiftung Ann und Jürgen Wilde bei den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen die fotografischen Schätze der Moderne – mit einem besonderen Händchen für Avantgarde, Neue Sachlichkeit und ikonische Werke der Fotografiegeschichte. Ihre Arbeit ist geprägt von dem Wunsch, Fotografie als eigenständige Kunstform sowohl historisch verankert als auch zeitgenössisch relevant zu zeigen.

Für die aktuelle Ausstellung „ON VIEW – Begegnungen mit dem Fotografischen“, die sie im Team mit Franziska Kunze, der Sammlungsleiterin für Fotografie und Zeitbasierte Medien kuratiert hat, legt Simone Förster den Fokus genau darauf: Aufbau einer spannenden Begegnung zwischen fast 250 Werken – von Meilensteinen der Neuen Sachlichkeit bis zu aktuellen Strömungen der Fotografie. Das ermöglicht ein Wechselspiel, das unsere visuelle Wahrnehmung spielerisch herausfordert.

Wir haben Simone Förster gefragt, wie diese außergewöhnliche Auswahl zusammengestellt wurde und welche Highlights die Besucher:innen erwarten dürfen.

Was war das Spannendste an der Zusammenstellung dieser Ausstellung?  SF: Die Zusammenarbeit mit meiner Kollegin Franziska Kunze war unglaublich inspirierend. Wir haben unsere beiden Sammlungsbereiche, die zeitgenössische Fotografie und die Fotografie der Moderne, die zusammen über 100 Jahre Fotografiegeschichte umfassen, für diese Ausstellung erstmals in Dialog gebracht. Wir präsentieren die Werke nicht chronologisch, sondern zeitübergreifend thematisch, in spannungsreichen und oftmals unerwarteten Gegenüberstellungen. Dabei haben wir im Spiegel der Werke aus dem jeweils anderen Sammlungsbereich die Werke im ‚eigenen‘ Sammlungsbereich oftmals selbst neu entdeckt oder auch neu sehen gelernt. Jüngste Werke neben hundert Jahre alten Werken zu sehen, kann uns Verbindungen zeigen, die eng, vielschichtig, überraschend und bereichernd sind. Das möchten wir ans Publikum vermitteln.

Welche Arbeiten gehören Zu Deinen persönlichen Highlights? SF: Das ist jetzt fast schon eine gemeine Frage, denn bei insgesamt ca. 10.000 Werken, die unsere beiden Sammlungsbereiche umfassen, war die Auswahl von ungefähr 250 Werken für die Ausstellung schon eine echte Herausforderung. Es hat sich so angefühlt, als wäre das inoffizielle Motto unserer Arbeit „kill your darlings“ … Und jetzt soll ich ein persönliches Highlight nennen? Wir haben einen Raum in der Ausstellung „Der widerständige Körper“ betitelt, darin sind Werke zu sehen, die sich mit dem Körper und der Identität von Körpern auseinandersetzen. Dort hängen wundervolle Werke zum Beispiel von Aenne Biermann, Paul Mpagi Sepuya, Germaine Krull und Ludwig Dressler auf einer Wand, das ist vielleicht eine unserer Lieblingswände in der Ausstellung. Die Hängung stand als allererste fest.

In dem Raum konnte ich aber aus Stiftungsbestand auch noch zwei Fotografien aus der Serie „Re-visions“ der amerikanischen Fotografin Marcia Resnick aus den späten 1970er Jahren unterbringen. Marcia Resnick ist bekannt für ihre Porträts der New Yorker Undergroundszene der 1980er Jahre, vor wenigen Wochen ist sie leider gestorben. Für die Serie „Re-visions“ inszeniert sie Momente ihres Erwachsenwerdens und versieht sie mit humorvollen, aber auch scharfen und kritischen Kommentaren. „Re-visions“ ist wirklich eine ganz feinsinnige und persönliche, aber auch eine feministische fotografische Arbeit über das Heranwachsen als Frau. In näherer Zukunft möchte ich dieser Arbeit gerne eine eigene Ausstellung widmen.

Wie kombiniert man die Arbeiten der Neuen Sachlichkeit mit den neueren Fotografien der Becher-Schule so, dass beide Seiten spannend wirken? SF: Farbige Großformate der Düsseldorfer Schule stehen neben kleinformatigen Schwarzweißfotografien der 1920er Jahre. Große Tableaus neben Einzelwerken. Dabei entsteht schon visuell eine große Spannung, inhaltlich kann man oft überraschende Verbindungen feststellen: so zum Beispiel bei den typologischen Porträts der „Menschen des 20. Jahrhunderts“ von August Sander und Thomas Ruffs großformatigen Einzelporträts, oder auch die Wahrnehmung von Pflanzenformen oder Industriebauten als Skulpturen in den Fotografien von Karl Blossfeldt und von Bernd und Hilla Becher. Wir sehen und verstehen die Motive durch die Fotografien auf eine neue Art und Weise. Anders als durch die Anschauung mit dem bloßen Auge. Das Sehen ist ja auch das Thema unserer Ausstellung. Der Titel „On View. Begegnungen mit dem Fotografischen“ bedeutet ja nicht nur: etwas ist gerade zu sehen, sondern auch „Über das Sehen“. Diese Mehrdeutigkeit, das hat uns gefallen.

Wie kann Fotografie etwas darstellen, das eigentlich nicht sichtbar ist? In der Ausstellung gibt es ja Bilder zu sehr persönlichen oder schwer greifbaren Erfahrungen – gibt es ein Beispiel, wie so etwas konkret in einem Foto sichtbar wird? Da müsste ich die Fotografien in dem Raum „Hinter den Bildern“ im Detail beschreiben, das führt hier vielleicht etwas zu weit. Aber nur so viel: der Fotografie wird ja immer ‚vorgehalten‘, dass sie etwas zeigt, was genau so gewesen ist. Natürlich stimmt das auch, aber Fotografie ist eben auch ein künstlerisches Medium, das viel mehr kann, als ‚nur‘ abbilden oder dokumentieren. Sie kann uns die Welt zeigen, so dass Fragen entstehen, dass das Sichtbare auf etwas ‚dahinter‘, also auf etwas im Bild nicht (oder erst auf den 2. Blick) Sichtbares verweist, auf eine Geschichte, ein Ereignis, ein anderes Narrativ. Oft werden auf diese Weise Themen wie Diskriminierung, Gewalt, Ausgrenzung verhandelt, die in ihrer Komplexität schwer ins Bild zu setzen sind. Eine Fotografie von Germaine Krull von 1931 porträtiert eine Frau, die ihr Gesicht hinter ihren Händen verbirgt. Auf den ersten Blick ist das eine wunderschöne, fast klassische Handstudie. Erst auf den zweiten Blick bemerkt man eine dritte Hand, die ein Handgelenk umfasst, und es entstehen Fragen: zu wem gehört diese Hand? Wie ist diese Geste zu deuten, stützend oder eingreifend? Es entspinnt sich eine neue visuelle Erzählung aufgrund vielschichtiger Assoziationen.

Wenn so viele Arbeiten im Archiv der Stiftung Ann und Jürgen Wilde versammelt sind – wie organisiert man ein solches Archiv eigentlich? Wie behält man den Überblick über Tausende von Fotografien, wie werden sie katalogisiert, und unter welchen Bedingungen werden die Originale gelagert? SF: Jedes Werk wird bei Ankunft im Museum erfasst, das heißt inventarisiert und katalogisiert. Es erhält einen Eintrag im Inventar, eine Inventarnummer, wird vermessen, das Material bestimmt, alle Informationen zum Motiv zusammengetragen. Es wird gescannt und in die Datenbank eingepflegt. Das Werk selbst, also das physische Objekt wird dann konservatorisch versorgt, das meint, es wird in konservatorisch sichere Materialien eingelegt und im Depot bei für die Erhaltung und Bewahrung von Fotografie geeignetem Klima gelagert. Bis es dann für Forschung oder Ausstellungen oder ähnliches wieder hervorgeholt, vorbereitet und bearbeitet wird.

Wie findet man eigentlich das Keymotiv für eine solche Ausstellung – insbesondere in einer Kooperation verschiedener Sammlungsbereiche an der Pinakothek der Moderne? Entsteht die Entscheidung nach Diskussionen im Team oder folgt man bestimmten Kriterien oder Konzepten? Franziska Kunze und ich hatten uns zuerst auf den Ausstellungstitel „On View. Begegnungen mit dem Fotografischen“ geeinigt. Wie oben schon gesagt, hat uns die Mehrdeutigkeit von „On View“ gefallen. Fotografie bedeutet ja immer Sehen, Zeigen, Betrachten und aber eben auch Betrachtet-werden. Und damit geht es auch um Begegnung.

Dann ging es darum für das Kampagnenmotiv ein Werk aus der Ausstellung zu wählen, das zusätzlich auch diese Vielschichtigkeit vermitteln kann. Das wird dann auch mit den Kolleg:innen in der Presse- und Marketingabteilung diskutiert. Viele Werke hatten wir dafür im Blick, zum Beispiel „Blick aus meinem Atelierfenster“ von Aenne Biermann oder auch das ikonische „Selbstporträt mit Icarette“ von Germaine Krull. Die Arbeit „Drop Scene (0X5A0936)“ von Paul Mpagi Sepuya von 2018 zeigt den Künstler selbst (und noch eine weitere Person), von dunklen Vorhängen verdeckt, hinter der Kamera, im Spiegel, und sie zeigt aber auch den Spiegel. Da ist alles drin, das Sehen, das Zeigen, das Betrachten, das Betrachtet-Werden und die Begegnung.

Die kuratorische Arbeit von Simone Förster macht sichtbar, wie Fotografie als Kunstform zeitübergreifend wirken kann. Ob in der Gegenüberstellung von historischen Porträts und zeitgenössischen Werken oder in der Inszenierung persönlicher Erfahrungen – „On View“ zeigt, wie Bilder unser Sehen herausfordern und gleichzeitig neue Verbindungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart schaffen. Besucher:innen können hier nicht nur Werke betrachten, sondern auf überraschende Weise mit ihnen in Dialog treten.

Zur Ausstellung ist ein Katalog bei Hatje Cantz erschienen.

ON VIEW – Begegnungen mit dem Fotografischen“

04. Juli bis 12. Oktober 2025

www.pinakothek-der-moderne.de/ausstellungen/on-view/