Sie sitzen nebeneinander – und wirken doch manchmal Welten voneinander entfernt. In 'Archipelago' verwandelt Yolanda Del Amo menschliche Beziehungen in komponierte fotografische Bühnenbilder. Blicke verfehlen sich, Körper teilen einen Raum und bleiben dennoch auf Abstand. Nähe und Entfremdung, Zugehörigkeit und Autonomie existieren gleichzeitig.

Der Titel ist dabei Programm: Die Fotografin begreift Beziehungen als einen Archipel emotionaler Inseln – voneinander getrennt, fragil und dennoch durch unsichtbare Strukturen miteinander verbunden. In der Tradition der Tableau-Fotografie entwickelt die in New York lebende Künstlerin erzählerisch dichte Bildräume, die an Tableaux vivants oder Filmstills erinnern. Nichts scheint zufällig: Haltung, Blickrichtung, Gestik, Farbe und die Position der Figuren im Raum folgen einer subtilen Choreografie.

Und gerade diese Kontrolle erzeugt Spannung. Die Bilder wirken still, beinahe angehalten – und sind gleichzeitig emotional aufgeladen. Wer gehört zu wem? Wer sucht Nähe, wer entzieht sich ihr? Was ist gerade geschehen, und was könnte im nächsten Moment passieren?

'Archipelago' untersucht die Widersprüche menschlicher Beziehungen über geografische, generationelle und geschlechtliche Grenzen hinweg. Del Amo interessiert sich für das paradoxe Nebeneinander zweier fundamentaler Bedürfnisse: den Wunsch nach Nähe und Zugehörigkeit – und den ebenso starken Wunsch nach Autonomie.

Ihre Bildwelten entstehen aus realen Begegnungen. Del Amo arbeitet überwiegend mit Freunden und Familienangehörigen, verwandelt diese persönlichen Konstellationen jedoch durch Inszenierung in offene Erzählungen. Realität und Fiktion beginnen sich zu überlagern.

Aus dem Text 'Islands in the Sea of Life' von Vicki Goldberg: 'Then she rearranged people, dictating where they sat or stood as well as their postures and positions. (Having taken many a dance lesson, she was particularly precise about poses, gestures, and carriage.) She told her subjects where to look and what to think about. These people became actors for a mere moment - a moment that will most likely last beyond a lifetime, in a photographic theater set arranged by a photographer who is the playwright, director, and stage manager.'

Farbe übernimmt innerhalb der Serie eine zentrale emotionale Funktion, während eine anhaltende, beinahe greifbare Stille zu einer prägenden Präsenz wird. Trotz der statischen Anlage der Bilder bleibt dabei ein Moment der Offenheit und Veränderbarkeit erhalten. Wie Jean Dykstra in ihrem Text 'Alone Together' bemerkt: 'As in the theater, roles can change, characters can evolve, silences can be broken, and that prospect is in these photographs, too.'

Yolanda del Amo (geb. 1967, Madrid) ist eine in New York lebende fotografische Künstlerin. Ihre vielfach ausgezeichneten Arbeiten wurden international ausgestellt und sind in bedeutenden Sammlungen vertreten. Sie erhielt Förderungen unter anderem von der Jerome Foundation, dem New York State Council on the Arts sowie dem spanischen Kulturministerium.

Vicki Goldberg (1936–2025) war eine US-amerikanische Fotokritikerin, Autorin und Fotohistorikerin. Sie schrieb umfassend über Fotografie und ihre gesellschaftlichen Kontexte, unter anderem für The New York Times, American Photo und Vanity Fair.

Jean Dykstra ist Fotokritikerin und ehemalige Herausgeberin des photograph magazine. Sie veröffentlichte Texte unter anderem in The New York Review of Books, The Brooklyn Rail, Art in America sowie in zahlreichen Ausstellungskatalogen und Monografien.

Yolanda del Amo - Archipelago

Kehrer Verlag, Leineneinband

128 Seiten, 47 Farbabbildungen

ISBN 978-3-96900-228-5

Texte: Jean Dykstra, Vicki Goldberg

Design: Hannah Feldmeier