Menschen umarmen sich auf einem Festival, eine Frau packt neben einem demolierten Haus ihren Mercedes aus, Familien schieben Kinderwagen durch eine künstliche Freizeitwelt. Überall passiert etwas und meistens gleich mehrere Dinge gleichzeitig.

Seit mehr als vier Jahrzehnten schaut Wolfgang Zurborn dorthin, wo Menschen zusammenkommen. Nicht unbedingt auf das große Ereignis, sondern bevorzugt auf das, was daneben, dahinter und mittendrin passiert. Sein neues Fotobuch „Crowds“, erschienen im Kehrer Verlag, führt durch mehr als 40 Jahre öffentliches Leben – und ist dabei Gesellschaftsstudie, Zeitreise und ziemlich unterhaltsames Wimmelbuch für Erwachsene zugleich.

Zurborns Schauplätze reichen von politischen, sportlichen und religiösen Veranstaltungen über Volksfeste und touristische Attraktionen bis zu Freizeitparks und anderen Orten des kollektiven Vergnügens. Doch wer hier nach dem entscheidenden Moment sucht, schaut möglicherweise an der falschen Stelle.

Denn gerade die Nebensachen machen diese Fotografien so gut: ein Griff, ein Blick, ein merkwürdiges Kleidungsstück, eine Reklametafel im Hintergrund oder zwei Menschen, die für einen Sekundenbruchteil eine unfreiwillige Choreografie bilden. Vorder- und Hintergrund konkurrieren permanent miteinander. Das Auge springt durch die Bilder und entdeckt beim zweiten oder dritten Hinsehen Geschichten, die beim ersten Blick noch gar nicht da waren.

Dabei interessiert Wolfgang Zurborn weder die anonyme „Masse“ noch das vollkommen isolierte Individuum. Seine Fotografien zeigen vielmehr, wie Menschen aufeinander, auf ihre Umgebung und auf die Bilder und Botschaften reagieren, mit denen sie permanent konfrontiert werden. Werbung, Architektur, Mode, Autos, Medien und Körper geraten dabei in ein visuelles Durcheinander, das erstaunlicherweise immer wieder seine ganz eigene Ordnung findet.

Der Ausgangspunkt für „Crowds“ war ausgerechnet eine Zeit, in der Menschenansammlungen plötzlich verschwunden waren. Während der Corona-Pandemie begann Zurborn, sein Archiv neu zu durchforsten und Hunderte analoge Farbnegative zu digitalisieren. Bilder aus den 1980er Jahren trafen auf jüngere Arbeiten – und über Jahrzehnte hinweg entstanden unerwartete Verbindungen.

Das macht das Buch heute besonders interessant. Mode und Frisuren verändern sich, Autos verschwinden, Werbebotschaften altern und Freizeitwelten bekommen neue Kulissen. Das menschliche Verhalten wirkt dagegen bisweilen erstaunlich vertraut.

Auf 272 Seiten versammelt „Crowds“ 131 Farbfotografien aus mehr als vier Jahrzehnten. Das Buch wurde von Wolfgang Zurborn gemeinsam mit Kehrer Design gestaltet; ein Interview von Alasdair Foster mit Wolfgang Zurborn ergänzt die fotografische Reise. Und vielleicht ist genau das der größte Spaß an „Crowds“: Man betrachtet zunächst die Menge – und bleibt schließlich an einem einzigen Menschen hängen.

Wolfgang Zurborn – Crowds

Interview: Alasdair Foster mit Wolfgang Zurborn

Design: Wolfgang Zurborn & Kehrer Design

Broschur mit offener Bindung

19,8 × 28 cm, 272 Seiten, 131 Farbabbildungen

Deutsch / Englisch, ISBN 978-3-96900-259-9, 58 Euro

Wolfgang Zurborn, geboren 1956, studierte an der Bayerischen Staatsschule für Fotografie in München sowie an der Fachhochschule Dortmund. 1985 erhielt er das Otto-Steinert-Stipendium der Deutschen Gesellschaft für Photographie. Gemeinsam mit Tina Schelhorn leitet er seit 1986 die Galerie Lichtblick in Köln; 2010 gründete er die Lichtblick School. Seine Arbeiten wurden international ausgestellt, zudem lehrte und unterrichtete er Fotografie in Deutschland und im Ausland.