STYLE and the Family Tunes prägte die Popwelt der 90er- und 2000er-Jahre mit einem Mix aus Mode, Kunst und Subkultur. Auch auf GoSee haben wir regelmäßig Strecken aus dem Magazin gezeigt, die Musik mit Mode und Kunst verbunden haben. Die Bildsprache wurde vielfach prämiert und einige später namhafte Fotografen belieferten das Heft, darunter Daniel Josefsohn, Ralph Mecke oder Joachim Baldauf. Seit 2011 lebt das Projekt von Herausgeberin Cathy Boom im Netz als stylemag.net weiter. Hatje Cantz präsentiert nun in Buchform ein Best-of des Kultmagazins (Style and the Family Tunes, Hrsg. Cathy Boom, ca. 240 Seiten, ISBN 978-3-7757-4008-1).

Cathy Boom ist heute als Creative Director mit Schwerpunkt Mode im Kreativeinsatz. Wir freuen uns zudem, dass sie als Jurorin die GoSeeAWARDS unterstützt und sich mit uns auf innovative Mode- und Beautysstrecken, Still-Lifes, Reportagen und kreative Portfolios freut.

17 Jahre warst Du Herausgeberin von STYLE AND THE FAMILY TUNE, danach zwei Jahre bei Zalando als CD zuständig. Zudem bist Du heute als freie Kreativdirektorin in Berlin mit Schwerpunkt Mode und Markenbildung tätig. Ein Blick zurück?  Style & the Family Tunes war für mich eine großartige Plattform meine Vision von Mode, deren Darstellung und weitere pop-kulturelle, redaktionelle Inhalte wie Kunst und Musik zu inszenieren und publizieren. Über die Jahre entstand ein weites Netzwerk von Gleichgesinnten, die andere Ansätze und Medien suchten, um ihre Kreativität zum Ausdruck zu bringen. Das war ein großes Glück! Nach 17 Jahren als Chefredakteurin und Herausgeberin von Style & the Family Tunes war es für mich eine natürliche Weiterentwicklung meinen redaktionellen Background und mein Know How in der Mode (von Street bis High Fashion) zu nutzen und näher mit Marken zusammen zu arbeiten. Bei Zalando war die Aufgabe eine kohärente Bildsprache und stimmige CI zu entwickeln, sämtliche Medien von online bis offline zu relaunchen und 360° Kampagnen zu erdenken und umzusetzen. Das war spannend. Nach zwei Jahren war es jetzt aber auch toll, wieder zum Ursprung zurück zu kehren und das Style & the Family Tunes Buch zu machen. Verschiedene Aufgaben und Bewegung sind für mich der Motor von allem.

Du hast von 1994- 2011 die STYLE & the family tunes publiziert. Wie kam es zur Idee und wie habt Ihr losgelegt? Es gab in Deutschland einfach kein Magazin, welches wir selber gerne lesen wollten, welches unsere Ästhetik und unser Lebensgefühl aufgriff. Und dann haben wir es einfach selber gemacht - ganz im Sinnes des 90ies DIY. Dafür war Berlin der perfekte Nährboden, hier schien alles möglich - die Grenzen waren offen, die Stadt und der Kopf waren frei.

Was war Euer publizistischer Ansatz und wie hat sich dieser im Laufe der Jahre verändert? Es ging immer darum unangepasst und frei popkulturelle Inhalte in einem hochwertig produzierten Medium zu publizieren. Die 90er waren ja die Zeit von Grunge, Techno und Hip Hop als Underground, Clubkultur, Minimalismus in der Mode und DIY - die ganze Ästhetik hat sich verändert. Streetcasting statt Supermodels, T-Shirts statt Schulterpolster - auf den Glam der 80er folgte die konsequente Anti-Glam Ästhetik - in der Mode, der Musik und auch in der Fotografie. Das haben wir gezeigt. Natürlich verändert sich in 17 Jahren die visuelle Sprache - ein Magazin ist ja etwas Lebendiges, jede Ausgabe ist auch immer wieder ein eigenes Projekt. Trotzdem sind wir immer unserem Style treu geblieben.

Damals gab es noch weniger Modellagenturen, PR Agenturen und Modedesigner in Berlin. Online steckte in den Kinderschuhen, es gab erste Portale wie GoSee ; ) Wie habt Ihr Eure Modeideen umsetzen können? Und wo kamen die Kollektionsteile her? Das Telefon gab es ja schon und Fax war auch ganz groß - wir haben halt die Pariser und Mailänder Pressebüros angerufen. Das war nicht immer leicht, hat dann aber meistens geklappt - wir waren immer sehr deutsch (also ordentlich) was das Zurücksenden der Kollektionsteile anging und auch beim Mailing des Magazins. Mit der Zeit wuchs das Vertrauen und es wurde einfacher.

Ihr hattet bei der STYLE immer ein gutes Händchen für Fotografen. Auch wenn es damals nicht so viele unabhängige Printmedien für Modefotografie gab, haben sich heute international erfolgreiche Fotografen wie Ralph Mecke oder Henrique Gendre damals bei Euch kreativ austoben können. Habt ihr die Fotografen angefragt oder hattet Ihr viele Anfragen? Beides. Natürlich sucht mach sich als Redakteur und Macher eines Magazins Menschen, die eine ähnliche Auffassung von Mode und Bildsprache haben. Da es ja nie um bezahlte Editorials ging, war die Freiheit etwas aussergewöhnliches für die Style und die eigene Mappe zu produzieren immer wichtig - hochwertiges Papier, guter Druck und respektvoller Umgang mit den Bildern im Layout waren die Währung.

Du hast die Entwicklung vom kalten Berlin zur bunten, internationalen Metropole hautnah und vor allem von Saison zu Saison miterlebt. Gab es Schübe die Berlin nach vorne katapultiert haben oder war der Prozess eher schleichend? Mit der Jahrtausendwende ist sicherlich etwas passiert. Berlin wurde für alle Arten von Agenturen interessant, plötzlich wollten alle Dependancen in Berlin haben. In den 90ern war es mehr ein täglicher Überlebenskampf…..aber gut!

Du hast Klaus Stockhausen eingeladen, im Buch über die Entwicklung der Mode in den letzten 17 Jahren zu schreiben. Habt Ihr schon früher zusammen gearbeitet? Klaus und ich haben seit der ersten Stunde miteinander gearbeitet. Sein erstes Shooting für die STYLE war mit Ralph Mecke und Christina Kruse. Das war 95.

Bei der Buch-Zusammenstellung von 1000 auf 500 Fotos zu reduzieren war sicher nicht leicht, aber dann schlussendlich 17 Jahre auf 200 Fotos zu reduzieren eine Kunst…? Natürlich ist es nicht leicht sich zu reduzieren, aber gerade im Edit liegt ja die Kraft einer Publikation. Es ging bei dem Buch "Style & the Family Tunes - The Book" nicht darum das Vergangene Revue passieren zu lassen, sondern die Bilder mit dem Blick von heute neu zu evaluieren, in einen neuen Kontext zu bringen und dadurch etwas Neues entstehen zu lassen. Bilder, die zB in den 90ern relevant waren, weil sie einen gewissen Aufbruch und eine neue Sicht auf die Fotografie zeigten, müssen es heute nicht mehr unbedingt sein - bei manchen ist es aber so, dass sie immer noch modern und zeitlos sind. Und diese Bilder mussten wir finden!

Und erinnerst Du Dich noch an die Produktion der Strecke, die Du für das Buchcover ausgewählt hast? Das Buchcover war eine Modestrecke mit Albino Kindern auf Großbild fotografiert von Anna Tiedink, produziert von Yilmaz. Das Titelbild des Buchs war auch schon einmal ein Style Cover - mein All Time Favourite! Das Mädchen ist einfach so speziell. Für mich steht dieses Bild für so viel: Freiheit, Mut zum Besonderen, ein weisser Canvass mit allen Möglichkeiten……

Nach dem Magazinsterben vor einigen Jahren gibt es heute plötzlich wieder eine Flut an Zeitschriften auf dem Markt. Welche sind es wert gelesen zu werden? Alle mit einer eigenen Meinung und eigenem visuellen Ansatz und Design. Die ewige Reproduktion des immer Gleichen langweilt mich sehr.

Wir freuen uns, dass Du uns bei den GoSeeAWARDS als Jurorin unterstützt. Was fasziniert Dich noch immer am Medium Fotografie? Unsere Welt kommuniziert mehr und mehr über Bilder - die Möglichkeiten sich, Mode, Menschen oder Marken in Szene zu setzen sind unendlich. Visuelle Kommunikation ist und bleibt ein spannendes Genre mit einem sehr subtilen Subkontext, der über Bilder transportiert wird - und diese Bilder und ihre Metaebene so zu definieren, dass sie dem jeweilige Medium oder Kunden entsprechen ist eine tolle Aufgabe!

Anbei zeigen wir einige Teasermotive zum Buch - findet Cathy! Kleiner Tipp - das Foto mit der Maske ist sie nicht... Der Book-Release von Style & the Family Tunes – The Book featuring the very best photography of 130 issues of the magazine findet am 09. September in Berlin statt. Hinter den Turntables stehenTerrible, Alexandra Dröner (Kepler, Sick Girls), Klaus Stockhausen und Peggy Laubinger. Weitere Infos via stylemag.net. Und wer Cathy Boom's Fotografie Neugierde wecken möchte, der reicht seine fotografischen Arbeiten und Projekte bis zum 5. September bei den GoSeeAWARDS ein und trifft die Top-Kreative mit Mode-Know-How auf der www.up-date.ws Berlin am 25. September.