Bold. Surreal. Expressive. - Der deutsch-schwedische Fotograf Per Appelgren bewegt sich mühelos auf dem schmalen Grat zwischen High-End-Kommerz und progressiver Editorial-Fotografie. Von seinem Studio aus steuert er internationale Produktionen, die vor allem eins sind: modern, emotional und visuell ganz nah am flüchtigen Zeitgefühl. Seine Handschrift besticht durch Farbtiefe, schlaue Kamerawinkel und visuelles Storytelling, das Individualität und Diversität zelebriert.
gosee.news präsentiert: 'Studio Visit : Per Appelgren'
Per, die neue Casablanca Pre-Fall 2026 Kampagne bewegt sich irgendwo zwischen Kinofilm, Traumsequenz und Modefotografie. Wo beginnt bei dir die Entwicklung einer solchen Bildwelt?
Meist beginnt sie mit einem Gefühl. Farben, Szenen, einem Filmstill oder auch Musik. Solche Elemente aus Filmen, Bildbänden, Architektur und unterschiedlichen Kulturen werden gesammelt und gemeinsam mit dem Art Director zu einer visuellen Sprache verdichtet. Bei Casablanca ging es uns vor allem darum, eine eigene, leicht entrückte Welt zu erschaffen. Vertraut genug, um einen sofort hineinzuziehen, aber surreal genug, um im Kopf zu bleiben.
Die Kampagne entstand auf einer Virtual-Production-Bühne. Welche kreativen Möglichkeiten eröffnet dir diese Technologie – und wo liegen ihre Grenzen?
Virtual Production ermöglicht uns, komplette Bildwelten direkt ins Studio zu holen und sie innerhalb kürzester Zeit zu verändern: Hintergründe lassen sich wechseln, Perspektiven und Größenverhältnisse anpassen und reale Elemente mit digitalen Räumen verbinden. Gerade zusammen mit spezialisierten Digital- und AI-Artists entstehen dadurch Welten, die sich physisch nur mit sehr großem Aufwand bauen ließen.
Gleichzeitig ist die Technologie kein Selbstzweck. Wenn Licht, Perspektive, Set, Kamera und Talent nicht zusammenspielen, wirkt das Ergebnis schnell unbrauchbar. Und zu viele Möglichkeiten können eine Idee auch verwässern. Entscheidend bleibt deshalb eine klare Vision.
Wie eng arbeitest du mit Creative Director Charaf Tajer zusammen? Wie habt ihr euch kennengelernt und wie früh vor dem Shooting beginnt der kreative Austausch?
Der Austausch ist sehr eng und umfasst bei Casablanca das gesamte kreative Team – vom Creative Director über den Brand Art Director bis zum externen Art Director. Gemeinsam entwickeln wir die Richtung, die Atmosphäre und die visuelle Welt der Kampagne.
Charaf und ich haben uns ursprünglich über Instagram kennengelernt. Nach einem ersten Austausch haben wir in London Porträts von ihm fotografiert; daraus sind inzwischen zwei Kampagnen entstanden. Viele Grundlagen werden natürlich vorab definiert, der intensivste Austausch mit ihm findet aber tatsächlich am Set statt. Dort reagieren wir direkt auf die Umstände und die Bilder, die gerade entstehen.
Gibt es einen roten Faden, der sich durch alle deine Arbeiten zieht?
Mich interessieren Bildwelten, in denen etwas minimal verschoben wirkt. Nicht völlig real, aber auch nicht so surreal, dass man den emotionalen Zugang verliert. Dazu kommen intensive Farben und Menschen, die eine sehr starke Präsenz entwickeln.
Ich möchte die Personen vor meiner Kamera visuell überhöhen und ihnen eine Bühne geben, auf der Individualität und Diversität selbstverständlich sind.
Was inspiriert dich derzeit außerhalb der Fotografie – Kunst, Architektur, Musik, Literatur oder ist gerade alles nur noch AI-getrieben?
Sehr häufig inspirieren mich Filme, besonders Produktionen aus den 90er- und 2000er-Jahren, bei denen Atmosphäre stark über Licht, Farbe, Ausstattung und praktische Lösungen statt über Effekte erzeugt wurde. Mich fasziniert, wie dort mit relativ einfachen Mitteln ganze Welten und Stimmungen entstanden.
Ebenso wichtig sind Bildbände, Architektur, Musik und manchmal nur ein kurzer Moment im Alltag. Oft ist es kein komplettes Werk, sondern Details, die etwas in mir auslösen. Solche Gedanken notiere ich mir, um später darauf zurückzukommen und sie weiterzuentwickeln.
Gibt es Künstler oder Fotografen, zu denen du immer wieder zurückkehrst?
Ich kehre immer wieder zu den „Großmeistern“ wie Steven Meisel, Helmut Newton, Nick Knight oder Richard Avedon zurück – aus ganz unterschiedlichen Gründen. Bei Meisel fasziniert mich die enorme Wandelbarkeit und das Worldbuilding, bei Newton die kompromisslose Klarheit, bei Knight der Drang zum Experiment.
Ihre Arbeiten sind fest in ihrer jeweiligen Zeit verankert und wirken gleichzeitig bis heute relevant. Genauso inspirieren mich zeitgenössische Artists wie Zhong Lin, Szilvester Makó oder Rafael Pavarotti, die Fotografie sehr eigenständig weiterdenken. Es geht mir dabei nie darum, eine Bildsprache zu kopieren, sondern zu verstehen, warum ein Bild auch Jahrzehnte später noch funktioniert und was ich daraus in meine eigene Bildwelt transportieren kann.
Was macht eine starke visuelle Geschichte aus?
Eine starke visuelle Geschichte braucht nicht zwingend eine lineare Handlung, aber sie braucht Haltung und eine innere Logik. Casting, Styling, Licht, Farbe, Bewegung und Umgebung müssen dieselbe Welt erzählen, ohne dass jedes Detail erklärt werden muss.
Besonders interessant wird es für mich, wenn ein Bild gleichzeitig unmittelbar funktioniert und trotzdem Fragen offenlässt. Eine gute visuelle Geschichte gibt dem Betrachter einen Einstieg, aber nicht bereits alle Antworten, und bleibt dadurch länger im Kopf.
Welche Bedeutung haben Fehler, Zufälle oder Improvisation in deinem kreativen Prozess?
Eine gute Planung ist für mich Voraussetzung. Sie schafft die Sicherheit, am Set vom Plan abweichen zu können.
Die wirklich besonderen Momente entstehen dann meist völlig ungeplant. Durch unerwartete Bewegungen, Ausdruck, einen Lichtreflex oder eine spontane Idee aus dem Team. Entscheidend ist, diese Momente überhaupt zu erkennen und ihnen Raum zu geben. Darin liegt für mich der größte Teil der Magie eines Shootings: Etwas entsteht, das sich vorher weder zeichnen noch vollständig erklären ließ und sich so sicherlich auch nicht am Computer reproduzieren lässt.
Welches Buch liegt aktuell auf deinem Nachttisch?
Aktuell liegen dort zwei: Panikherz von Benjamin von Stuckrad-Barre und Paul Ardens Es kommt nicht darauf an, wer du bist, sondern wer du sein willst.
Wo entstehen deine besten Ideen?
Meist dann, wenn ich nicht aktiv versuche, eine Idee zu erzwingen. Beim Autofahren, im Zug oder draußen in der Natur. Überall dort, wo für eine Weile keine externen Faktoren auf mich einprasseln. Sobald der Kopf nicht mehr permanent reagieren muss, beginnen die Gedanken zu fließen.
Wenn jemand nur ein einziges Projekt von Per Appelgren sehen dürfte – welches wäre es und warum?
Stand heute wäre es wahrscheinlich die Casablanca Pre-Fall 2026 Kampagne. Nicht, weil sie jede Facette meiner Arbeit abbildet, sondern weil darin vieles zusammenkommt, was mich fotografisch interessiert: sehr starke, markante Charaktere, Fashion, kräftige Farben, filmische Atmosphäre, eine leicht surreale Welt und eine sehr technische Umsetzung, die dennoch real bleibt.
Gleichzeitig steht die Kampagne für die Art von Zusammenarbeit, die ich einfach liebe. Wenn aus vielen herausragenden kreativen Perspektiven und Köpfen am Ende eine sehr klare gemeinsame Vision entsteht.
Welche drei Begriffe beschreiben die Arbeit von Per Appelgren am besten?
Bold. Surreal. Expressive.