Was bleibt einer Kreativorganisation im Zeitalter von AI eigentlich noch exklusiv vorbehalten? Nicht unbedingt das nächste Bild, der nächste Film oder die nächste Kampagne – sondern das Wissen, die Entscheidungen und die kreative DNA, aus denen all das entsteht. Genau hier setzt SIISTER.AI an - The Intelligence Layer Behind Global Brand Productio

Gegründet von Brivaelle Capitaine, Gründerin und Managing Director von One Hundred Berlin, entwickelt das neue, EU-basierte Unternehmen ein „AI-native Operating System for the Creative Industry“. Im Zentrum steht dabei ein ebenso einfacher wie spannender Gedanke: Creative Memory. Während Foundation Models aus den Daten und Inhalten von Millionen lernen, will SIISTER Kreativorganisationen ermöglichen, ihr eigenes kreatives Wissen mithilfe von AI zu bewahren, zu strukturieren und für zukünftige Projekte nutzbar zu machen – und dieses Wissen gleichzeitig exklusiv innerhalb der eigenen Organisation zu halten.

Dahinter steckt eine spannende These: Der zukünftige Wettbewerbsvorteil von Agenturen, Produktionsfirmen und Kreativunternehmen könnte nicht allein in den Assets liegen, die sie produzieren, sondern zunehmend darin, wie gut sie ihre eigene kreative Geschichte, ihre Entscheidungen und ihr institutionelles Wissen bewahren – und darauf aufbauen.

Parallel absolviert Brivaelle ein MIT Executive Program in Artificial Intelligence, in dem sie sich mit der Entwicklung AI-nativer Organisationen sowie der nächsten Generation AI-basierter Produkte und Services beschäftigt. Im Rahmen des Programms entwickelt sie auch die Enterprise-AI-Strategie und Deployment-Roadmap für SIISTER. Forschung zu Cognitive Architectures, Embeddings, Knowledge Graphs, Agentic Workflows und Human-in-the-loop Governance fließt dabei direkt in die Architektur von SIISTER ein.

SIISTER ist außerdem Teil des MTH Startup Accelerator, des neunmonatigen Programms des MediaTech Hub Potsdam. Im Babelsberger Medienökosystem unterstützt das Programm junge MediaTech-Unternehmen mit individuellem Coaching, Branchenexpertise sowie einem Netzwerk aus Gründern, Technologiepartnern, Investoren und Medienunternehmen.

SIISTER.AI startet 2026. GoSee sprach mit Brivaelle Capitaine über Creative Memory, AI-native Workflows und die Frage, was Kreativunternehmen ihrer eigenen AI eigentlich beibringen können.

Ihr beschreibt SIISTER als „AI-native Operating System for the Creative Industry“. Was bedeutet das konkret im Alltag einer Agentur, Produktionsfirma oder eines Creative Studios?

AI-native bedeutet, dass AI von Anfang an in die operative Logik integriert ist, anstatt als weiteres Tool auf einen ohnehin bereits fragmentierten Workflow aufgesetzt zu werden. Die Architektur von SIISTER ist darauf ausgelegt, den Kontext eines Projekts zu verstehen, relevantes Wissen abzurufen, Entscheidungen zu unterstützen und die Interaktionen zwischen Teams, Tools und Workflows zu orchestrieren.

So wie ein CRM Unternehmen ein gemeinsames System gibt, um Kundenbeziehungen zu verstehen und zu managen, soll SIISTER zur gemeinsamen Intelligence- und Operating-Ebene für kreative Produktion werden.

In der Praxis bedeutet das, dass alle an einer kreativen Produktion Beteiligten endlich wirklich innerhalb derselben Umgebung zusammenarbeiten können. Heute sind Briefings, Zeitpläne, Budgets, Assets, Feedback und Freigaben über verschiedene Plattformen verteilt. Einfach weitere AI-Anwendungen hinzuzufügen, löst diese Fragmentierung nicht. Ich glaube, dass wir den vollen Nutzen von AI nur erreichen können, wenn wir mehr tun, als Prompting oder Generierung zu lernen – wir müssen den Workflow selbst neu denken.

Für eine Agentur bedeutet das klarere Briefings, vernetztes Feedback und eine bessere Übersicht über das gesamte Projekt. Für eine Produktionsfirma bedeutet es, Scope, Budget, Timing, Talente und Produktionsentscheidungen zu koordinieren. Für ein Creative Studio bedeutet es, traditionelles Handwerk und AI-gestützte Asset-Produktion in denselben Workflow zu bringen und repetitive Aufgaben dort zu automatisieren, wo es sinnvoll ist.

Wichtig ist dabei, dass SIISTER nicht auf einem starren oder standardisierten Produktionsprozess basiert. Das System ist so konzipiert, dass es sich gemeinsam mit der Technologie weiterentwickelt, kontinuierlich nach neuen Tools, Modellen und Produktionsmethoden sucht und den jeweils passendsten Ansatz für ein bestimmtes Projekt empfiehlt.

Auch Transparenz ist Teil der Architektur. Wenn beispielsweise ein Foto mit AI verändert wird, sollte es meiner Meinung nach Standard werden, seine Creative Lineage zu erhalten – also Fotografenquelle, Rechte sowie nachfolgende AI- und menschliche Eingriffe während der gesamten Produktion nachvollziehbar zu halten.

„Creative Memory“ steht im Zentrum von SIISTER. Was gehört eigentlich zum Creative Memory eines Unternehmens – fertige Arbeiten, Treatments, Referenzen, Entscheidungen, Gespräche, verworfene Ideen?

Brivaelle: Creative Memory ist ein zentraler Bestandteil der Architektur von SIISTER. Es unterscheidet sich von einem traditionellen Archiv, weil es vergangene Arbeiten nicht einfach speichert, sondern die Intelligenz erfasst, die während dieser Arbeit entstanden ist – und sie wieder nutzbar macht.

Jedes Projekt ist eine Goldmine an Wissen mit echtem kommerziellem Wert: Briefings, Treatments, Referenzen, Brand Guidelines und fertige Assets, aber auch die Entscheidungen dahinter – was akzeptiert oder abgelehnt wurde und warum, Kundenpräferenzen, Korrekturrunden, erfolgreiche Workflows, Fehler, Ausnahmen und die Erkenntnisse, die während des gesamten Projektverlaufs entstanden sind.

AI fügt eine weitere Ebene hinzu: Welche Tools oder Modelle wurden eingesetzt? Welche Outputs wurden ausgewählt oder verworfen? Wo ist ein Modell gescheitert und wie hat ein Mensch korrigiert? Was funktioniert hat und was nicht funktioniert hat, gehört gleichermaßen zum Memory.

Dabei geht es nicht darum, jede E-Mail oder jedes Gespräch für immer zu speichern. Ziel ist es, herauszufiltern, was tatsächlich relevant ist, es mit dem richtigen Projektkontext zu verbinden und dieses Wissen zu nutzen, um das nächste Projekt intelligenter zu machen.

Heute bleibt ein großer Teil dieses Wissens in Archiven verborgen – oder steckt ausschließlich in den Köpfen einzelner Menschen. Creative Memory soll kontinuierliches Lernen ermöglichen, sodass relevante Präzedenzfälle, Erfahrungen oder Expertise genau dann auftauchen können, wenn sie gebraucht werden.

Den meisten Kreativen werden momentan AI-Tools angeboten, die versprechen, mehr und schneller zu generieren. Ihr setzt an einem anderen Punkt an: bei dem Wissen, das eine Organisation bereits besitzt. Warum?

Die Herausforderung ist nicht der Zugang zu AI-Tools. Davon haben wir bereits mehr als genug. Die Herausforderung besteht darin sicherzustellen, dass Kreativorganisationen nicht das Wissen verlieren, das sie über Jahre aufgebaut haben.

Je zugänglicher AI wird, desto weniger wird die Technologie selbst ein Differenzierungsmerkmal sein. Einzigartig bleibt das, was eine Organisation durch Erfahrung aufgebaut hat: ihr Handwerk, ihr Geschmack, ihr Verständnis für Kunden, ihre Entscheidungen, Korrekturen, Fehler und ihre Art, Probleme zu lösen.

Während meines MIT Executive Program in Artificial Intelligence beschäftige ich mich damit, wie AI-native Organisationen und die nächste Generation von AI-Produkten und -Services gestaltet werden können – von Knowledge Architectures und Agentic Workflows bis hin zu Human-in-the-loop Governance. Für SIISTER führte diese Arbeit zu einer Frage, die immer zentraler wurde: Was können wir AI eigentlich beibringen?

Gemeinsam mit unserem ML Engineer entwickeln wir proprietäre, domänenspezifische AI-Modelle und experimentieren damit, welches Wissen und welches Handwerk wir unseren eigenen Modellen beibringen können. Die Details halten wir momentan noch unter Verschluss, aber in unserem MVP+ wird es mehr zu entdecken geben.

Für mich wird Creative Memory genau an diesem Punkt wirklich interessant. Es gibt einer Organisation die Grundlage, aus ihren eigenen Erfahrungen zu lernen, anstatt bei jedem Projekt wieder bei null anzufangen.

Der Wettbewerbsvorteil wird nicht einfach darin bestehen, Zugang zu AI zu haben. Entscheidend wird zunehmend sein, was eine Organisation ihrer AI beigebracht hat.

Das Wort „exclusive“ spielt in eurer Positionierung eine wichtige Rolle. Wie stellt ihr sicher, dass das Creative Memory eines Unternehmens tatsächlich sein eigenes bleibt – und am Ende nicht dazu verwendet wird, das Modell eines anderen zu trainieren?

Unsere Architektur wird nach einem klaren Governance-Prinzip entwickelt: Your Creative Memory should remain yours. SIISTER soll ein Verbündeter sein, der loyal gegenüber seiner Organisation ist, sie bei ihrer Weiterentwicklung unterstützt und gleichzeitig das Wissen schützt, das sie einzigartig macht – ebenso wie die Intelligence, die daraus mit der Zeit entsteht.

Das Wissen, das eine Organisation aufbaut, sollte ihre eigene Intelligence stärken und nicht in die eines anderen einfließen. SIISTER wird deshalb mit einer klaren Trennung zwischen Organisationen, kontrolliertem Zugriff und Nachvollziehbarkeit darüber entwickelt, wie Daten und Modelle genutzt werden – auch dann, wenn externe AI-Services beteiligt sind.

Human-in-the-loop Governance spielt dabei ebenfalls eine zentrale Rolle. Professionals bleiben dafür verantwortlich zu definieren, was ein gutes Ergebnis ist. Validiertes menschliches Feedback kann dem System helfen, zunehmend relevanter für die eigenen Standards, Präferenzen und die kreative Sprache einer Organisation zu werden.

Exklusivität geht für uns deshalb über Datenschutz hinaus. Es geht darum, sowohl das Creative Memory als auch die einzigartige Intelligence zu schützen, die daraus im Laufe der Zeit entsteht.

Und vielleicht die wichtigste Frage für unsere Leser: Was wird SIISTER ihnen beim Launch tatsächlich ermöglichen, was sie heute noch nicht können?

Im MVP+ werden Teams Projekte, Asset-Produktion, Korrekturen, Freigaben und Delivery innerhalb eines gemeinsamen Workflows managen können – zusammen mit integrierten AI-gestützten Produktionsmöglichkeiten und unserem ersten proprietären AI-Modell.

SIISTER ist mit einem Dual Entry Point konzipiert: Ein Projekt kann mit klassischer Fotografie oder mit AI-generiertem Content beginnen – und beides kann anschließend innerhalb derselben professionellen Produktionsumgebung weitergeführt werden. Für mich sollten das keine voneinander getrennten Welten mehr sein.

Was mich besonders begeistert: SIISTER ist nicht als feststehende Toolbox gedacht. Das System soll Teams kontinuierlich mit den besten verfügbaren Technologien aus Fotografie, AI-Generierung und professioneller Postproduktion verbinden und die jeweils richtigen Möglichkeiten in den Workflow integrieren, während sich die Technologien weiterentwickeln.

Gleichzeitig beginnt das System, eine Intelligence-Ebene rund um die Produktion selbst aufzubauen. Nützliches Wissen, kreative Entscheidungen und erfolgreiche Ansätze verschwinden dadurch nicht einfach, sobald ein Projekt abgeschlossen ist.

Was dadurch möglich wird, ist also nicht einfach, dieselbe Arbeit mithilfe von AI schneller zu erledigen. Wir bauen ein neues intelligentes Operating System für die Kreativindustrie – eines, das von der Organisation lernen und sich gleichzeitig mit der Technologie weiterentwickeln kann. Unser MVP+ beginnt bereits zu zeigen, wohin das führen kann. Aber unter der Haube passiert noch einiges, das wir momentan ganz bewusst im Stealth-Modus halten.

ABOUT BRIVAELLE CAPITAINE

Brivaelle Capitaine ist Gründerin & CEO von SIISTER.AI, dem AI-nativen Operating System für die Kreativindustrie, das 2026 an den Start geht. Zudem ist sie Gründerin & CEO von ONE HUNDRED BERLIN, der unabhängigen Kreativproduktions- und Postproduktionsfirma, die sie 2010 gegründet hat. 2025 wurde sie vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz als „Vorbild-Unternehmerin“ ausgezeichnet.

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