Wir freuen uns, Bernd Ott bei GoSee zu begrüßen. Der Fotograf arbeitet seit vielen Jahren in den Bereichen Editorial, People, Musik und Beauty. Neben seiner kommerziellen Fotografie für Kunden wie MADELEINE oder SCHWAN COSMETICS arbeitete Bernd mehr als zwei Jahre gemeinsam mit seiner Partnerin Emily Besa an 'All the people', einem Projekt über Gender-Verständnis. Erschienen ist nun ein Buch hierüber im Kerber Verlag. Dieses zeigt Portraits von Menschen aus Amsterdam, Berlin, London, Los Angeles und New York, die Geschlecht auf ihre eigene Art definieren und ausleben. Sie verstehen sich selbst als „Transgender“, „Gender Queer“, Drag-Performer oder fühlen sich keiner gängigen Definition zugehörig.

Die Publikation versammelt ihre Geschichten und zeigt Porträts, die der Eigenwahrnehmung entsprechen. Diese Sammlung von sensiblen und intimen Porträts in Bildern und Worten ist gleichzeitig die erste gemeinsame Publikation des Fotografen Bernd Ott und der US-Autorin Emily Besa.

Der seit 1998 erst in London und nun in Berlin lebende Fotograf wurde 1970 geboren. Nach seinem Foto- und Filmdesign-Studium in Dortmund assistierte er in Deutschland, New York und London, bevor er seine freischaffende Fotografentätigkeit in der britischen Hauptstadt im Bereich Musik- und Portrait-Fotografie begann. Er fotografierte für Zeitschriften wie den NME, Time Out bis zur Sunday Times Culture und mit Künstlern wie Monica Bellucci, Michael Fassbender oder Moby. Inzwischen liegt der Schwerpunkt seiner Arbeit im Bereich Mode- und Beauty-Fotografie.

Gemeinsam mit Emily Besa hast Du Menschen aus der ganzen Welt besucht, fotografiert und interviewt. Sie alle verbindet dabei ein ganz persönliches, individuelles Gender-Verständnis. Wie bist Du auf das Thema gekommen und wie hast Du die Portraitierten gefunden? Ich wollte unbedingt ein längerfristiges Projekt, idealerweise ein Buch mit Menschen, über Menschen machen, deren Geschichten bewegen und die eine Plattform gebrauchen könnten. Der Anstoß für das eigentliche Thema kam von Emily, die aufgrund persönlicher Erfahrungen und Freundschaften ein starkes Interesse an der Thematik Gender-identity hatte. Es stellte sich heraus, dass wir beide Freunde hatten, die durch Ihr Leben und auch kreative Arbeit in dieser Thematik involviert sind. Damit waren wir uns schnell einig, dass wir dieses Projekt anstoßen wollten und hatten somit natürlich auch unsere ersten Teilnehmer.

Da es für die Teilnahme an diesem sehr persönlichen Projekt einen Menge Vertrauen braucht war es ein sehr natürlicher Vorgang zunächst mit Freunden zu arbeiten. Von da ging es weiter über persönliche Empfehlungen und Vorstellungen.

Nach einer Weile konnten wir natürlich einiges an fotografischem Material und Interviews vorzeigen, was die Kontaktaufnahme erleichtert hat. Das machte es möglich mit Organisationen wie Mermaids in Grossbritannien oder TransAmsterdam in den Niederlanden zusammen zu arbeiten. Beides großartige Organisationen, die uns sehr unterstützt haben.

War es leicht ins Gespräch zu kommen, schliesslich sind nicht alle Transgender auch extrovertiert im Umgang mit ihrer Sexualität oder wie hast Du das erlebt? Es geht ja in erster Linie nicht um Sexualität, sondern, wie ich denke noch persönlicher und intimer, um Identität, in diesem Falle Geschlechtsidentität. Dadurch, dass wir mit Freunden begonnen haben, bestand bereits ein Vertrauensverhältnis das unbedingt nötig war.

Die Erfahrungen lassen sich nicht ganz verallgemeinern aber natürlich wurden wir als Hetero-Paar erst einmal kritisch beäugt. Es gab auch diverse Leute, die bereits negative Erfahrungen mit Medien, Büchern, Magazinen gemacht hatten und sich in der Vergangenheit oft ausgenutzt und ausgestellt gefühlt hatten.

Wir mussten uns dieses Vertrauen oft auch erst verdienen. Dazu waren lange Gespräche und persönliches Kennenlernen unumgänglich. Es sind dabei auch einige langfristige Freundschaften gewachsen.

Eine unsere Teilnehmerin, Ashily, hat sehr schön formuliert, warum Sie mitgemacht hat. Was Ihr gefiel war, dass dieses Buch “sich auf die 99%, die uns gemeinsam sind und uns verbinden konzentriert und nicht auf das eine Prozent, das uns unterscheidet und trennt".

Gibt es ein gemeinsames Element wenn Du an die 39 Portraitierten denkst, etwas Verbindendes oder etwas was Dir am stärksten in Erinnerung geblieben ist? Es sind 39 Menschen, die so unterschiedlich sind, wie es 39 Individuen mit einer Altersspanne von 5 bis 69 aus aller Herren Länder sein können. Ich habe Geschichten gehört die mich sehr berührt haben, Geschichten die mich zornig gemacht haben aber insgesamt bleibt mir ein Gefühl von Lebensfreude, die unsere Teilnehmer geteilt und mitgeteilt haben, allesamt tolle Leute, klug und inspirierend.

Das verbindende Element ist eigentlich das gleiche wie bei allen Menschen. Wir haben die gleichen Nöte, Sorgen und Wünsche, alle möchten lieben und geliebt werden, alle möchten Ihr Leben leben, wie sie es für richtig halten. Ohne Einschränkung.  Die Menschen in diesem Buch mussten dafür nur manchmal härter kämpfen um diesem Ziel nahe zu kommen.

Normalerweise trifft man als Portrait Fotograf als Einzelkämpfer auf seine Protagonisten. Bei Eurem Projekt hast Du mit Deiner Partnerin zusammen gearbeitet, die auch die Interviews geführt hat. Was war das besondere an der Zusammenarbeit, ausser das Ihr Euch am Abend über den Tag austauchen konntet? Das ist zunächst mal wie ein Brandbeschleuniger. Nein, ganz im Ernst. Wir kannten uns noch gar nicht lange, als wir mit dem Projekt begonnen haben. Man lernt sich dabei ziemlich gut und ziemlich schnell kennen wenn man viele Wochen 24 Stunden am Tag zusammen ist.

Wir balancieren uns sehr gut. Es hilft mir jemanden dabei zu haben, der meinen, nennen wir sie mal kleinen charakterlichen Unzulänglichkeiten, etwas entgegen zu setzen hat. Ich denke auch, dass diese vertraute Atmosphäre den Fotos und Gesprächen sehr gut getan hat, da sich das natürlich auch auf Dritte überträgt.

Hattet Ihr selber Schubladen im Kopf bevor ihr mit dem Projekt begonnen habt? Ich bin mir nicht sicher ob es Schubladen sind, eher gab es so etwas wie eine naive Ahnungslosigkeit. Ich, der in einem kleinen Dorf in Rheinland-Pfalz aufgewachsen ist, war davon sicher deutlich mehr betroffen als Emily. Ich hatte zwar schon viele Jahre in Städten wie New York und London gelebt und hatte viele Freunde, die der LGBTQ Community zuzurechnen sind, aber so ganz wird man das Dorf nicht los.

Wenn es ein einigermaßen umrissenes Ziel diese Buches gab, dann war es, Konventionen und Kategorien aufzubrechen, zu zeigen, dass Schubladen nicht in der Lage sind Menschen zu beschreiben oder zu erklären, dass unser Dasein in unvorstellbar vielen Nuancen und Ausprägungen existiert. Das ist für mich persönlich die tiefgreifende Lehre aus dieser Arbeit.

Wir haben gelesen, dass der 'AllThePeopleProject' Bildband erst durch den Einsatz sozialer Netzwerke möglich wurde? Ich würde das so nicht ganz stehen lassen. Wir hatten eine Crowdfunding Kampagne auf Kickstarter, die allerdings nichts mit den Reisen, Aufenthalten, Equipmentkosten etc. und schon gar nicht unserer Zeit. zu tun hatte sondern ausschließlich dazu diente, die reinen Buchproduktionskosten, die man heutzutage auch als verlegter Autor und Künstler in der Regel selbst trägt, wenigstens zum größten Teil aufzufangen. Das Projekt als solches ist voll selbst finanziert.

Wir sind insbesondere einigen sehr großzügigen Individuen sehr dankbar und den Vielen, die im Prinzip willens waren ein ungesehenes nichtexistentes Buch zu kaufen, weil sie an das Projekt geglaubt haben. Darüber hinaus war der Kickstarter ein fantastisches Vehikel, das Projekt bereits vor Erscheinen, einer Öffentlichkeit zugänglich zu machen und an dieser Stelle waren auch die sozialen Netzwerke sehr hilfreich. Darüber hinaus haben wir soziale Netzwerke natürlich wie jeder andere zur Kommunikation und Recherche benutzt.

Wir sind beide keine Profis im Social Networking und haben sicher dabei auch viel Lehrgeld bezahlt.

Am 15. Juli zeigt die Neue Galerie Berlin eine Ausstellung über Euer Projekt. Werden hier alle 39 Portraits zu sehen sein? Im Buch sind grundsätzlich mehre Fotos zu jeder Geschichte und Person, insgesamt über 140 Fotos. Wir mussten uns den örtlichen Gegebenheiten anpassen und uns natürlich deutlich einschränken. Nicht alle Teilnehmer werden in dieser Ausstellung zu sehen sein. Außerdem - die Leute sollen sich ja auch das Buch bei uns besorgen ;)

Weitere Infos zum Projekt samt Interviews gibt es unter ALLTHEPEOPLE, Bernd Ott und Emily trifft man persönlich beim Opening am 15. Juli in Berlin und das Buch gibt es signiert am Abend oder direkt via Kerber Verlag.