Was ist eigentlich 'rude' – und wann wird genau das richtig gut? In seinem Fotobuch 'Rude in the Good Way', erschienen bei Loose Joints, macht Roe Ethridge die Lust am Bild selbst zum Thema. Begehren, Konsum, Sexualität, Mode und Selbstdarstellung geraten in einen visuellen Strom, in dem Hochglanz und Schnappschuss, Chanel und schimmelige Pfirsiche plötzlich erstaunlich gut miteinander auskommen.

Ethridge gehört seit mehr als zwei Jahrzehnten zu den Fotografen, die sich konsequent weigern, zwischen Kunst und Kommerz zu wählen. Fashion Shoot, Stillleben, privater Moment, Screenshot oder Atelieraufnahme – bei ihm darf alles nebeneinander existieren und sich gegenseitig aufladen. Gerade diese Reibung macht seinen unverwechselbaren Bilderkosmos aus.

In 'Rude in the Good Way' treffen Technicolor-Aufnahmen verdorbener Früchte auf hyperkomponierte Bilder von Lindsay Lohan, luxuriös-lüsterne Chanel-Stillleben auf intime Fotografien seiner Partnerin und Kollaborateurin Lulu Sylbert. Dazu kommen Blicke in das erotisch aufgeladene Atelier des Malers John Currin, ironische Selbstporträts und immer wieder Motive, die auf Ethridges eigenes, über zwanzig Jahre gewachsenes Bildarchiv zurückverweisen.

Besonders spannend wird es dort, wo Luxus und Erinnerung ineinandergreifen. Für Chanel No 5 from 1924 on Tray of Pearls and Mirror Checkerboard wählte Ethridge aus dem Chanel-Archiv einen historischen Flakon, der ihn an seine Mutter und seine Kindheit erinnerte. In Double Red Chanel wiederum verdoppelt und überlagert er ein Motiv aus seinem Vogue Japan-Shooting mit Lila Moss – Model und Sonnenuntergang erscheinen gleichzeitig vertraut, künstlich und leicht entrückt.

Auch das Private bekommt Raum. Drei Fotografien von Lulu Sylbert gehören zu Ethridges bislang intimsten Arbeiten. Doch sie funktionieren weniger als klassische Akte denn als gemeinsames Spiel mit der Herstellung von Begehren: Fotograf und Modell, Partner und Kollaborateurin untersuchen zusammen, wie ein libidinöses Bild entstehen kann, ohne die üblichen Machtverhältnisse einfach zu reproduzieren.

Und dann ist da ein halb geschmolzener Schokoladenkeks, der bei Ethridge beinahe ebenso sinnlich werden kann wie ein Körper.

Genau darin liegt der Witz dieses Buches. Ethridge behandelt die Hierarchie der Bilder mit demonstrativer Gleichgültigkeit. Ein perfektes Luxus-Stillleben kann genauso interessant sein wie ein beiläufiger Fehler, ein Webcam-Screenshot oder ein angepickter Apfel am Strand. Seine Fotografien fragen weniger danach, was ein gutes Bild ist, als danach, warum wir manche Bilder überhaupt begehren.

So wird Rude in the Good Way auch zu einer ziemlich präzisen Bestandsaufnahme unserer Gegenwart: Sehen, Habenwollen und Sich-Zeigen sind längst kaum noch voneinander zu trennen. Ethridge liefert dazu keine Erklärung. Er legt die Bilder auf den Tisch und lässt sie miteinander flirten, kollidieren und sich gegenseitig verführen.

Roe Ethridge, 1969 in Miami geboren und heute in New York lebend, zählt zu den prägenden Figuren der zeitgenössischen konzeptuellen Fotografie. Seine Arbeiten waren unter anderem im Museum of Modern Art New York, bei der Whitney Biennial und in der Tate zu sehen. Rude in the Good Way reiht sich in eine inzwischen mehr als fünfzehn Fotobücher umfassende Bibliografie ein – und zeigt einmal mehr, warum Ethridge dort am interessantesten ist, wo sich Modefotografie, Kunst, Alltag und persönliches Begehren nicht mehr sauber voneinander trennen lassen.

Roe Ethridge – Rude in the Good Way

Published by Loose Joints

Edited by Sarah Chaplin Espenon & Roe Ethridge, 2026

loosejoints.biz

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