Mit der Ausstellung 'Maruja Mallo: Maske und Kompass' feiert das Museo Reina Sofía in Madrid eine der kühnsten und zugleich poetischsten Stimmen der spanischen Avantgarde. Die in Viveiro (Galicien) geborene Maruja Mallo (1902–1995) war weit mehr als Malerin – sie war Denkerin, Rebellin, Visionärin und eine der ersten Künstlerinnen Spaniens, die ein modernes, selbstbestimmtes Frauenbild in der Kunst verankerte.
Über 100 Gemälde, rund 70 Zeichnungen und zahlreiche Fotografien, Briefe und Dokumente – viele davon erstmals öffentlich gezeigt – entfalten in elf Räumen das facettenreiche Werk dieser außergewöhnlichen Künstlerin. Von den farbintensiven Verbenas der 1920er-Jahre, die das urbane Madrid zwischen Volksfest und sozialer Satire porträtieren, über ihre surrealistischen und geometrischen Kompositionen bis hin zu den kosmischen Visionen ihres Exils in Lateinamerika erzählt die Schau von einer unermüdlichen Suche nach Balance: zwischen Intellekt und Emotion, Natur und Konstruktion, Körper und Geist.
Der Ausstellungstitel Maske und Kompass bringt diese Dualität auf den Punkt – die Maske steht für das Verborgene, das Theatralische und das Spiel mit Identität; der Kompass für Rationalität, Geometrie und Orientierung. Beides zusammen ergibt den künstlerischen Kosmos Mallos: diszipliniert und wild, mathematisch und magisch zugleich.
Mallo, die eng mit Größen wie Salvador Dalí, Federico García Lorca und Luis Buñuel befreundet war, sprengte früh die Grenzen zwischen Kunst, Wissenschaft und Philosophie. In den 1930er-Jahren, geprägt vom Geist der Zweiten Spanischen Republik, verband sie gesellschaftliches Engagement mit formaler Strenge. Nach ihrer Flucht ins Exil fand sie in Lateinamerika neue Impulse – die üppige Natur, die Mythen, das Licht – und schuf Serien wie Naturalezas vivas (Lebendige Natur), in denen Körper, Pflanzen und Meeresformen zu Metaphern für weibliche Energie und kosmische Ordnung werden.
Schon früh setzte sich Maruja Mallo mit dem Bild der modernen Frau auseinander – aktiv, unabhängig, selbstbewusst. Sie selbst verkörperte diese neue Weiblichkeit und inszenierte sich in ihren Arbeiten nicht als Muse, sondern als handelndes, denkendes Subjekt. Die Selbstdarstellung wurde zu einem zentralen Bestandteil ihres Schaffens, untrennbar mit ihrem künstlerischen Denken verbunden.
Als Fotografin nutzte Mallo das Medium, um Identität zu erforschen und zu inszenieren – stets performativ, theatralisch, fast filmisch. In einer berühmten Aufnahme von 1929 posiert sie in einem verlassenen Eisenbahnwaggon, ein Sinnbild für Bewegung und Übergang; 1945 zeigt sie sich an einem chilenischen Strand als Meeresgöttin, umhüllt von Algen – ein Bild zwischen Mythos und Selbstbehauptung. Auch in späteren Selbstporträts und Pressebildern baute sie symbolische Requisiten ein: eine Karte, ein Kompass, Schmetterlinge – Zeichen für Orientierung, Wandlung und Freiheit.
Maruja Mallo: Maske und Kompass ist mehr als eine Retrospektive – es ist eine Wiederentdeckung. Eine Einladung, das Werk einer Frau zu sehen, die früh verstand, dass Kunst zugleich Bühne, Labor und Spiegel sein kann. Ihre Malerei feiert das Leben in seiner komplexen Schönheit – und erinnert daran, dass Freiheit immer ein schöpferischer Akt ist.
Maruja Mallo: Maske und Kompass
8. Oktober 2025 – 16. März 2026
Museo Reina Sofía, Sabatini-Gebäude, 1. Etage, Madrid
Organisiert vom Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía und der Fundación Botín, kuratiert von Patricia Molins