Zwischen Hochglanz, Präzision und Emotion entwickelt Agnieszka Doroszewicz eine Bildsprache, die klassische Automotive-Fotografie neu denkt. Für GoSee haben wir mit der Fotografin gesprochen – live ist sie zudem am 26.03.2026 beim WRAP PARTY Talk im Studio Gleis 7 in Hamburg zu erleben.
Ihre Arbeiten bewegen sich mühelos zwischen den Codes von Mode, Design und Werbung – und genau darin liegt ihre Stärke: Autos erscheinen bei ihr nicht nur als Produkt, sondern als Teil einer ästhetischen Erzählung, die ebenso gut aus einem Fashion Editorial stammen könnte.
Oberflächen werden zu Haut, Licht zu Textur, Bewegung zu Attitüde. Agnieszka inszeniert Fahrzeuge mit einer emotionalen Tiefe, die man sonst eher aus der Beauty- und Modefotografie kennt. Ihr Portfolio zeigt: Die Grenzen zwischen Automotive, Fashion und Beauty sind längst fluide – entscheidend ist die Haltung hinter dem Bild.
Beim WRAP PARTY Talk trifft sie auf Transportation-Fotograf Simon Puschmann sowie Beauty-Fotograf und TUSH-Herausgeber Armin Morbach, um genau dieses Spannungsfeld zu diskutieren: zwei Welten, ein Prinzip – maximale Ästhetik unter maximalen Erwartungen. Moderiert wird der Talk von Ebba Fahrenhorst.
Vorab haben wir Agnieszka einige Fragen gestellt und sie kuratiert dazu eine Auswahl ihrer Arbeiten – mehr dazu und die komplette Diskussion live in Hamburg.
Deine Automotive-Arbeiten haben oft eine starke Nähe zur Modefotografie – wie bewusst ist dieser Einfluss und wo beginnt für dich Fashion im Auto?
Agnieszka: Die Faszination für das Automobil entsprang bei mir nie der Technik, sondern stets der Ästhetik. Meine Inspirationsquellen liegen in Architektur und Mode: der poetische Minimalismus Tadao Andōs und seine Beherrschung von Licht und Schatten, die skulpturale Avantgarde von Iris van Herpen, die haptische Poesie der Texturen bei Issey Miyake oder der architektonische Brutalismus von Rick Owens, der Kleidung wie Bauwerke denkt.
Diese Haltung ist es, die Mode und Architektur für mich grundlegend verbindet: In beiden geht es um Texturen und Formen, die eine Emotion auslösen. Genau dort beginnt für mich die Mode im Auto, in dem Moment, in dem es aufhört, ein Produkt zu sein, und Teil einer ästhetischen Erzählung wird. Einer Erzählung, die genauso gut aus einem Mode-Editorial stammen könnte. Ich sehe das Fahrzeug als Haltung, als Gefühl, als Skulptur in Bewegung.
An dieser Schnittstelle zwischen Objekt und Charakter, zwischen Funktion und Form verschmelzen die Genres für mich. Was mich antreibt, ist ein Stil, der progressive Modeelemente mit einer Eleganz verbindet, die nicht glatt sein muss, die ihre Kraft gerade aus dem Rohen und dem Unpolierten zieht.
Licht spielt in deinen Bildern eine zentrale Rolle – eher skulptural als rein funktional. Denkst du Licht in Automotive ähnlich wie in Beauty?
Agnieszka: Licht ist für mich kein Werkzeug, um etwas sichtbar zu machen, es ist das Material, mit dem ich forme. In der Beauty-Fotografie definiert Licht die Topografie eines Gesichts: Wo liegt Tiefe, wo Erhebung, wo Verletzlichkeit. Bei einem Fahrzeug ist es im Grunde dasselbe Prinzip, nur dass die „Haut“ aus Lack und Chrom besteht. Ein Kotflügel reagiert auf Licht wie ein Wangenknochen.
Die Frage ist nie: „Wie beleuchte ich das?“, sondern: „Was will ich verschweigen und was will ich erzählen?" In beiden Genres geht es darum, mit Licht eine emotionale Hierarchie zu schaffen: das Auge zu führen, Spannung aufzubauen, Geheimnisse zu lassen.
In der Beauty-Fotografie geht es um Haut, Textur und Nähe – lässt sich dieses Denken auf Fahrzeuge übertragen?
Agnieszka: Ein Fahrzeug hat eine „Haut" und diese Haut erzählt. Die Maserung von Carbon, die Tiefe eines Lackes, die Kante, an der eine Fuge zwei Flächen voneinander trennt: Das sind Texturen, die denselben Respekt verdienen wie Haut in der Beauty-Fotografie.
Wo siehst du die größten Gemeinsamkeiten zwischen Automotive und Beauty – und wo die klaren Unterschiede?
Agnieszka: Die größte Gemeinsamkeit: Beide Genres existieren unter dem Anspruch absoluter Perfektion und die stärkste Arbeit entsteht genau dort, wo man innerhalb dieses Drucks noch Freiheit findet. In beiden geht es um „Oberflächen", die Emotionen tragen sollen. Der Unterschied liegt woanders. In der Beauty-Fotografie arbeitest du mit einem lebendigen Gegenüber, es gibt einen Moment, einen Blick und Ausdruck, der sich nicht wiederholt. Ein Auto 'steht still, es wartet'. Das fordert etwas anderes: Du musst dem Motiv eine Seele und Emotion verleihen.
In Beauty entdeckst du den Moment. In Automotive musst du ihn erfinden.
Deine Bilder haben eine sehr kontrollierte Ästhetik. Wie viel Planung steckt dahinter – und wie viel passiert intuitiv am Set?
Agnieszka: Ich plane so präzise wie möglich, aber ich plane den Rahmen eines Shootings, nicht das Bild selbst. Ich weiß im Voraus, welche Geschichte ich erzählen will, welche Stimmung, welche Farbwelt. Die Vision ist klar. Doch auf Location bleibt immer ein Rest Unvorhersehbares und genau darin liegt der eigentliche Reiz. Das Studio gibt mehr Kontrolle, aber die Reibung der Wirklichkeit gibt etwas anderes: Unmittelbarkeit. Das Bild entsteht am Set, im intuitiven Moment. Kontrolle ist für mich kein Gegensatz zur Intuition, sie ist deren Voraussetzung. Erst wenn der Rahmen steht, ist der Kopf frei für das Unerwartete. Die besten Bilder sind die, die innerhalb einer strengen Struktur überraschen.
Welche Rolle spielt Postproduktion in deinem Workflow – eher Veredelung oder bereits Teil der Bildidee?
Agnieszka: Postproduktion ist für mich kein nachträglicher Schritt, sie ist Teil des Gesamtkonzepts, von Anfang an mitgedacht. In den meisten Fällen übernehme ich sie selbst. Wenn ich am Set stehe, sehe ich das Bild bereits in seiner finalen Form: wie die Retusche eine Fläche beruhigen wird, wie das Colorgrading den Ton setzt, welche Stimmung am Ende trägt. Für mich ist es „keine Reparatur“. Es ist eine eigene kreative Schicht, so selbstverständlich wie jede andere Entscheidung im Prozess. Wie ein Architekt, der nicht nur den Rohbau plant, sondern bereits weiß, wie das Licht am Nachmittag durch das fertige Fenster fallen wird.
Beschleunigen Tools wie CGI und AI die Produktion, verändern sie die Ästhetik und wohin geht die Bildsprache in der Autofotografie?
Agnieszka: Ich würde nicht sagen, dass diese Tools eine Produktion beschleunigen, sie verlagern den Prozess, zeitlich wie konzeptionell. CGI hat in den letzten Jahren eine Qualität erreicht, die absolut berechtigt ist. Ich selbst arbeite sehr gerne damit, aber immer projektabhängig, immer als bewusste Entscheidung.
Bei AI sehe ich das kritischer. High-End oder Hype? Was AI liefert, ist Annäherung. Was Premium verlangt, ist Präzision & Qualität. Diese Lücke ist noch nicht geschlossen.
Tools ersetzen keine Haltung. Am Ende sind es Werkzeuge und sollten als solche behandelt werden. Was sie nicht ersetzen können, ist der kreative und menschliche Vorlauf: Die Entscheidungen, die Haltung, die Vision und Ideen, die einem Bild vorausgehen. Erst dieser Vorlauf macht es möglich, dass am Ende etwas qualitativ wertvolles und emotionales entsteht. Etwas, das bleibt und berührt.
Die eigentliche Gefahr liegt woanders: Dass eine Generation von Bildern entsteht, die gut genug aussieht (im Kleinen) und dass sich damit die Erwartungen leise nach unten verschieben. Meine Position ist klar: Technologie darf den Prozess verändern, aber nicht den Anspruch. Das Ergebnis muss immer besser sein als das, was das Tool allein liefern kann.
WRAP PARTY Talk zum Thema Beauty und Automotive
STUDIO GLEIS 7
26.03.2026 – 17 Uhr
kostenlose Anmeldung vorab