„Ich wollte keine Fotografien machen, sondern Landkarten, Pläne, die gleichzeitig Fotografien sein sollten,“ so Luigi Ghirri (1943–1992), der zu den Wegbereitern der europäischen Farbfotografie zählt. Die Ausstellung im Museum Folkwang vom 4. Mai – 22. Juli 2018 ist die erste umfassendere museale Präsentation der Fotografien Ghirris außerhalb seines Heimatlandes Italien.
„Mich interessieren flüchtige Architekturen, die Welt der Provinzen, Objekte, die allgemein dem schlechten Geschmack zugeordnet werden, es für mich aber nie waren, Objekte, die erfüllt sind von Wünschen, Träumen, kollektiven Erinnerungen… Fenster, Spiegel, Sterne, Palmen, Atlanten, Globen, Bücher, Museen und Menschen...“
Landschaften, Stillleben und Architekturmotive – überwiegend in seiner Heimatregion Emilia Romagna – standen im Fokus des gelernten Vermessungstechnikers. Mit Scharfsinn und Ironie thematisierte er das Verhältnis des Menschen zu seinen Umgebungen. Somit reflektiert er nicht nur den kulturellen Wandel seiner Zeit, sondern auch die damit einhergehende Veränderung der Darstellungs- und Repräsentationsformen.
Die Ausstellung konzentriert sich auf Ghirris produktivste fotografische Arbeitsphase, die 1970er Jahre, und lässt sein Streben nach einer Erneuerung der Fotografie deutlich werden. Sie veranschaulicht seine konzeptionelle Arbeitsweise, lässt aber auch den Denker und Essayisten zu Wort kommen. Seine kleinformatige Bilder ähneln oft Filmsequenzen und zeichnen sich durch eine gedämpfte Farbigkeit auf bevorzugt matten Papieren aus. Mit einem Gespür für Farbe, Raum und Licht verstand es Ghirri wie kaum ein anderer, das „Gewöhnliche“ zeichenhaft und mit Humor ins Bild zu setzen und so einer neuen Wahrnehmungsebene zugänglich zu machen.
Die von James Lingwood kuratierte Ausstellung im Museum Folkwang orientiert sich an jener großen Werkschau, die 1979 nach Vorgaben Luigi Ghirris in Parma ausgerichtet wurde. Rund 300 Fotografien, gegliedert in 15 Werkgruppen, fächern das thematische Spektrum auf, dem sich Ghirri in den 1970er Jahren gewidmet hat.
Organisiert wurde das Projekt vom Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía, Madrid, in Koop mit dem Museum Folkwang, Essen, und der Galerie Nationale du Jeu de Paume, Paris. In den beiden Museen in Madrid und Paris wird die Ausstellung im Anschluß zu sehen sein. Zudem erscheint bei MACK im Mai ein begleitendes Buch .
'Karte und Gebiet' untersucht Ghirris Werk der 1970er Jahre anhand von 14 Serien mit so unterschiedlichen Motiven wie Vorstadthäusern und Gärten, modernen Werbebildern, die Scheinwelt der Freizeitparks oder auch Detailaufnahmen von Karten aus einem Atlas. Neben seiner wegweisenden Arbeit als Fotograf war Ghirri aber auch ein einflussreicher Denker und Autor. Diese Publikation beinhaltet Ghirris Schlüsselschriften aus den 1970er Jahren ebenso wie kritische Reflexionen über sein Werk, verfasst von Jacopo Benci und Maria Antonella Pelizzari sowie dem Kurator der Ausstellung James Lingwood.