Im Jahr 2017 begab sich der britische Fotograf Barry Falk auf eine Reise nach Krakau, um seine Familiengeschichte zu erforschen. Doch dies war erst der Anfang eines viel größeren, fünfjährigen Fotoprojekts, das nicht nur Ahnenforschung zum Ziel hatte, sondern ein tieferes Verständnis der jüdischen Geschichte in Osteuropa zu erlangen. Der Titel 'In Search of Amnesia' beschreibt die Zerrissenheit zwischen dem Wunsch, schmerzhafte Erinnerungen an traumatische Ereignisse zu verdrängen, und dem Bedürfnis, diese Erinnerungen bewusst zu bewahren.
Mit einer behutsamen Herangehensweise begibt sich Falk auf die Spurensuche, um Orte zu finden, an denen Jüd:innen ermordet wurden. Er dokumentiert physische Objekte, die in Museen aufbewahrt werden, und spricht mit Historiker:innen, forensischen Archäolog:innen sowie Künstler:innen.
„The project grew out of my own personal family history and Jewish roots in Poland and Lithuania. On the 2nd January 2017 I flew to Krakow to begin a research project exploring the Jewish narrative in Poland and Ukraine, an area previously rich in Jewish culture. This was the start of a long term documentary project and begins, almost predictably, in Auschwitz, but then follows a route that shifts and changes, following leads and hunches, ideas and directions, rivers and transportation lines, ‘dead ends’ and surprising synagogues.“– Barry Falk
Die Reise beginnt fast zwangsläufig in Auschwitz, führt dann jedoch auf eine Route, die sich ständig verändert, sich an Hinweisen und Intuitionen orientiert und Orte aufzeigt, die mit der jüdischen Geschichte verwoben sind – von Städten und Dörfern bis hin zu Synagogen und Flüssen. Falks Interesse lag nicht nur in einer Rückkehr zu spezifischen Familienwurzeln, sondern vielmehr in der kollektiven Erinnerung an eine lebendige jüdische Kultur, die in Polen und der Ukraine einst blühte. Städte, Dörfer und Siedlungen, die von großen jüdischen Gemeinschaften geprägt waren und in denen der Handel, die Politik und das soziale Leben florierten. Der Aufstieg des Hassidismus und der Haskalah, der jüdischen Aufklärung, gehörten ebenfalls zu dieser Geschichte, die während des Zweiten Weltkriegs durch die deutschen Besatzungskräfte und ihre verheerenden Maßnahmen zerstört wurde.
„Though the Holocaust looms large, casting its shadow backwards and forwards, this is not specifically about the Shoah. Within Poland and Ukraine, there is a rich historical narrative of a vibrant Jewish culture.“
Das Projekt sucht nach den Spuren dieser vergangenen Gemeinschaften, sei es in der Form noch existierender, oft verfallener oder umfunktionierter Synagogen, in physischen Objekten und Relikten, die in Museen aufbewahrt oder als Souvenirs verkauft werden, oder durch die Begegnung mit den „Hütern der Erinnerung“ – Historiker:innen, Konservator:innen, Archivist:innen, forensischen Archäolog:innen, Kunstschaffenden und Akademiker:innen.
Während seiner Reise hielt Falk ein Tagebuch, das über fünf Jahre hinweg entstand und in dem er versuchte, sowohl offensichtliche als auch vergrabene Erinnerungen zu verarbeiten und das schwere Erbe der Vergangenheit zu verstehen. Diese Tagebucheinträge bildeten die Grundlage für das abschließende Buch des Projekts.
„As I travelled through this memory rich landscape I kept a journal, written over the course of five years, attempting to make sense of overt and buried memories, past atrocities and contextual history. These journal entries became the text for the final book.“
Barry Falk ist ein britischer Fotograf, der psychologische Themen und Orte kollektiver Traumata, insbesondere in Osteuropa, dokumentiert. Er untersucht Bewusstsein und Empfindungsvermögen in Zusammenarbeit mit Forschungszentren und war als Mitglied des MAP6 Photography Collective an Projekten in Russland, Litauen und Finnland beteiligt. Seine Arbeiten wurden international ausgestellt und fanden 2020 in der 'Portrait of Britain' ihren Platz.
Barry Falk 'In Search of Amnesia Jewish Narrative in Poland and Ukraine'
24x19,6 cm 216 Seiten, 134 Farbabbildungen
Texte: Oksana Dovgopolova, Barry Falk
Design: Kehrer Design (Laura Pecoroni)