Die in Berlin lebende Fotografin Katharina Bohm c/o Klaus Stiegemeyer versteht Fotografie nicht nur als Bildproduktion, sondern als Zugang zu Menschen und ihren Geschichten. Ihre Arbeiten bewegen sich zwischen Lifestyle-, Food- und Porträtfotografie – getragen von einem dokumentarischen Blick, der Nähe schafft und Atmosphäre spürbar macht.
Auffällig ist dabei auch die Art, wie sie ihre Projekte erzählt. Auf ihrer Website nimmt sie den Betrachter mit hinter die Kulissen: Sie beschreibt Prozesse, Situationen und Begegnungen – von aufwendigen Produktionen bis zu leisen Momenten am Set. So entstehen Bilder und nachvollziehbare Geschichten.
Ob Kampagnen für Kunden wie Rewe, Bauhaus oder Neff oder freie Arbeiten auf Reisen, Katharina Bohm verbindet Authentizität mit einem Verständnis für Produktion und Teamarbeit. Die Verbindung aus dokumentarischem Ansatz und kommerzieller Umsetzung macht ihre Handschrift aus – und gibt ihren Projekten eine Tiefe, die über das einzelne Bild hinausgeht. Wir stellen Euch die Fotografin mit Interview und aktuellen Jobs auf GoSee vor.
Deine Arbeiten wirken sehr nah an Menschen und realen Situationen. Wann hast du gemerkt, dass Storytelling – und nicht nur das einzelne Bild – im Zentrum deiner Fotografie steht?
Für meine Diplomarbeit habe ich ein halbes Jahr bei einer Schweizer Bauernfamilie verbracht, mit ihnen gelebt, gearbeitet und alles fotografisch auf analogem Mittelformat begleitet. Es war für die Arbeit wichtig, wirklich Zeit mit der Familie zu verbringen und die kleinen Momente und Stimmungen im täglichen Leben auf dem Hof zu verstehen und abzubilden. Ich finde, in der Fotografie herrscht oft eine Diskrepanz zwischen der eigenen Wahrnehmung und der Realität. Wie schon Roland Barthes in „Die helle Kammer“ beschreibt, ist die Annahme, dass eine Erzählung oder ein Bild die Realität direkt abbildet, eine Illusion. Wenn es die Aufträge zeitlich zulassen, ist es für mich immer spannend der Realität der Protagonisten näher zu kommen, sie zu verstehen und ihre Geschichte durch meinen Blick zu erzählen.
Auf deiner Website erzählst du zu vielen Projekten kleine Geschichten aus den Shootings. Wie wichtig ist es dir, auch hinter dem Bild eine narrative Ebene zu schaffen?
Das ist das Faszinierende an diesem Beruf, die Möglichkeit, in so viele verschiedene Themenfelder einzutauchen, Menschen und ihre Leidenschaften kennenzulernen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Die persönlichen Begegnungen bei den Produktionen sind oft interessant, abenteuerlich oder inspirierend. Deswegen erzähle ich gerne in kurzen Texten von ihnen. Man fährt über abgelegene Bergstraßen mit Weinbauern aus Georgien, versucht eine Herde Kühe im Gleichschritt durchs Bild zu dirigieren oder spürt die Energie des Teams auch nach zwölf Stunden am Set, um auch das letzte Bild noch perfekt zu machen.
Du betonst häufig die Bedeutung von Teamarbeit. Wie stark beeinflusst die Stimmung am Set das Ergebnis deiner Bilder?
Wir kennen alle die Herausforderungen von langen Shootinglisten, wenig Zeit und manchmal eingeschränkten Budgets. Ich denke, dass alle Kreativen bei einer Foto-oder Filmproduktion ihren Job mit Leidenschaft ausüben. Eine Kampagne oder ein Film ist immer eine Gesamtleistung. Ich sehe es als meine Verantwortung, mit den Mitteln, die mir zur Verfügung stehen, eine Stimmung am Set zu schaffen, in der sich alle wohl fühlen und sich kreativ entfalten können. Mir ist zum Beispiel wichtig, dass das Catering gut ist, alle genug zu essen haben und Pausen machen können. Man kann am Set stehen und die ganze Zeit Druck auf alle machen oder darauf vertrauen, dass wir es alle gemeinsam schaffen. Mit einem positivem Vibe entstehen dann eben auch die kleinen unvorhergesehen Momente. Und man übersteht die langen Tage gut. Gerade in Zeiten von künstlicher Intelligenz ist es umso wichtiger, dass Menschen mit Menschen arbeiten.
Deine Arbeiten wirken sehr natürlich, auch im kommerziellen Kontext. Wie balancierst du Kundenanforderungen mit deinem eigenen visuellen Stil?
Ich denke, das ist oft die größte Herausforderung an Auftragsarbeiten: den Wunsch des Kunden zu verstehen und in Vereinbarung mit den äußeren Faktoren (Zeitrahmen, Budget, etc.) und dem eigenen Stil eine interessante Fotostrecke zu produzieren. In erster Linie ist es wichtig die Wünsche des Kunden ernst zu nehmen und eine offene Kommunikation am Set zu etablieren. Bisher hatte ich das Glück mit Kunden zusammenzuarbeiten, die die Natürlichkeit in meinen Bildern schätzen. Je mehr man sich mit den Themen identifizieren kann, desto einfacher ist es auch glaubhafte Bilder zu shooten.
Du sprichst von den „kleinen Momenten“ während eines Shootings. Gibt es eine Situation, in der etwas Ungeplantes am Ende zum stärksten Bild wurde?
Es passiert sogar oft, dass wir eigentlich schon in der Pause sind oder das Shooting eigentlich schon beendet ist, und dann steht das Model entspannt im schönsten Licht mit genau dem Ausdruck, der ein tolles Bild ergibt. Meistens wird das Bild besonders schön, wenn man aufhört alles perfekt zu machen.
Apropos - was macht für dich ein Bild unvergesslich?
Das Licht, der pefekte imperfekte Ausdruck im Blick des Protagonisten, die Geschichte hinter dem Bild. Aber am Meisten der Moment des Fotografierens. Besonders faszinieren mich fein beobachtete Projekte, wie von Alec Soth, oder der Mut und Witz von Fotografen wie Martin Parr. Im Werbekontext sind es oft die Kampagnen, wo sich Kunde und Fotograf mal richtig was getraut haben - sei es von besonders mutigen Blickwinkeln oder dem Sujet her.