Peter Rigaud ist ein Fotograf und Filmemacher, geboren in Salzburg. Heute lebt er in Berlin, Paris und Wien und arbeitet für internationale Editorial- und Werbekunden. Ob es um Storys für BMW in Kalifornien oder Kampagnen für Banken geht – er beherrscht das Handwerk der visuellen Erzählung. Seine Philosophie lautet: „Fotografie ist vor allem eine Frage von Vertrauen und Zusammenarbeit.“
Zu seinen Stärken gehören beeindruckende Porträts von Hollywood-Stars, Persönlichkeiten und Künstlern wie Marina Abramović, Bill Murray oder Christoph Waltz. Politiker wie Ursula von der Leyen, Bundeskanzler sowie Frank-Walter Steinmeier setzt er mal klassisch, mal unkonventionell in Szene. Auch Sportler und Designer gehören zu seinen Motiven, die er für VOGUE, STERN, SPIEGEL, DIE ZEIT, GEO, National Geographic, Vanity Fair, Numero, Wall Street Journal und New York Times fotografiert.
Sein SPIEGEL-Cover mit Angela Merkel wurde erst kürzlich beim ADC Germany mit Gold ausgezeichnet. Die Ausgabe 48 mit dem Titel „Männer!“ zeigte das erste politische Statement der Altkanzlerin nach ihrem Rückzug – ein starkes Porträt, das bundesweit für Aufmerksamkeit sorgte. Die ADC-Jury lobte das Titelbild als „ein deutliches Statement über Macht, Geschlecht und politische Kultur“, das weit über den Journalismus hinauswirke.
Im GoSee Interview spricht Peter Rigaud über die Bedeutung sorgfältiger Vorbereitung, die Balance zwischen Nähe und Distanz zu seinen Motiven sowie den „magischen Moment“, der ein Foto einzigartig macht. Außerdem reflektiert er darüber, wie Fotografie Zeit einfängt und Erinnerungen lebendig hält.
Du hast die Altkanzlerin ja bereits früher für verschiedene Shootings im Amt getroffen, zuletzt anlässlich der Erscheinung ihrer Biographie „Freiheit“ in Ihrem Büro in Berlin fotografiert. Nun ist sie im Ruhestand – war dieses Treffen anders als die bisherigen? Peter: Während ihrer Amtszeit habe ich Angela Merkel mehrfach fotografiert – und um es diplomatisch auszudrücken: Sie lässt sich nicht besonders gern fotografieren. Für ein SPIEGEL-Cover im Herbst 2022 hatte ich sie bereits einmal im „Ruhestand“ in ihrem Heimatdorf in der Uckermark porträtiert. Damals war der latente Druck des Amtes noch deutlich spürbar. Beim aktuellen Shooting in ihrem privaten Kanzlerinnenbüro war die Stimmung deutlich entspannter. Mein Eindruck war, dass die Veröffentlichung ihrer Autobiografie für sie eine große Erleichterung bedeutete. Es war auch ein wenig Stolz und Freude zu erkennen – schließlich markiert das Buch den Abschluss eines großen und wichtigen Kapitels in ihrem Leben.
Wie wichtig ist es für dich als Fotograf, eine persönliche Verbindung zu den Celebrities aufzubauen? Duzt man sich, um eine Nähe herzustellen, oder bleibt man eher formell? Peter: Eine Verbindung zu den Menschen vor der Kamera aufzubauen, ist extrem wichtig. Den Begriff „Celebrities“ verwende ich in diesem Zusammenhang ungern – ich spreche lieber von Persönlichkeiten oder einfach von Menschen. Für mich beginnt diese Verbindung bereits mit der Vorbereitung: Ich informiere mich gründlich über die Biografie, lese Artikel, schaue mir vergangenes Film- und Fotomaterial an. Hat die Person viel Kameraerfahrung oder eher nicht? Wirkt sie sicher oder eher zurückhaltend? All das sind hilfreiche Hinweise – wobei ich im Laufe der Jahre auch gelernt habe, dass jede Situation völlig anders verlaufen kann als erwartet. Deshalb ist es wichtig, zwar gut vorbereitet, aber ohne Vorurteile in ein Shooting zu gehen.
Was das „Du“ oder „Sie“ betrifft: Grundsätzlich bevorzuge ich eine professionelle Distanz – so wie in jeder Arbeitsbeziehung sollte sich die Anrede natürlich und respektvoll anfühlen. Meist bleibt es beim „Sie“. Ein entscheidender Faktor ist die Zeit: Wenn möglich, versuche ich vorab einen großzügigen Zeitrahmen auszuhandeln. Zeit, um Ideen gemeinsam zu entwickeln, sich einzugrooven – das hilft enorm, Vertrauen aufzubauen. Gleichzeitig muss man immer darauf vorbereitet sein, dass sich die verfügbare Zeit spontan drastisch verkürzt. Der großartige Fotograf Richard Avedon hat einmal gesagt: „There is no place for two egos in the room.“ Das bringt es auf den Punkt.
Wie läuft der Prozess ab, wenn du für ein Editorial gebucht wirst – etwa vom SPIEGEL für ein Porträt von Angela Merkel? Arbeitest du eng mit der Redaktion und der fotografierten Persönlichkeit zusammen, um das Bild zu gestalten, oder wird erst nach dem Shooting entschieden, welches Bild am besten passt? Peter: In der Regel werde ich direkt von der Bildredaktion oder der Artdirektion beauftragt. Beim SPIEGEL war in diesem speziellen Fall sogar die stellvertretende Chefredakteurin Melanie Amann intensiv in die Vorbereitungen eingebunden. Ein Vorab-Besuch der Location ist für mich sehr wichtig – gerade bei einem so sensiblen Shooting wie mit Angela Merkel. Jedes Detail wurde im Vorfeld mit ihrer Presseverantwortlichen sowie dem Verlag abgestimmt. Der Anspruch lautet immer: Alles so gut wie möglich planen – und trotzdem auf jede Eventualität spontan reagieren können. Flexibilität gehört genauso dazu wie akribische Vorbereitung.
Gibt es bestimmte Shootings, die dir besonders im Gedächtnis geblieben sind? Welche haben dich persönlich oder beruflich am meisten berührt, und warum? Peter: Tatsächlich gibt es bei fast jedem Shooting besondere Momente. Wenn ich aber einige hervorheben darf, dann gehört das Porträt von Alexej Nawalny ganz sicher dazu. Kurz zuvor hatte er nur knapp einen Giftanschlag überlebt und war gerade erst aus der Intensivstation der Charité entlassen worden. Wir bekamen die exklusive Möglichkeit, ihn zu interviewen und zu fotografieren. In diesem Interview hat er Wladimir Putin direkt beschuldigt – das war nicht nur journalistisch brisant, sondern auch politisch hoch relevant. Das SPIEGEL-Cover mit seinem Porträt und das Interview wurden innerhalb von 24 Stunden weltweit zitiert.
Ein anderes Highlight waren Begegnungen mit Künstlerinnen und Künstlern, deren Werk ich persönlich sehr schätze – etwa Marina Abramović, Bill Murray, Quentin Tarantino, Christoph Waltz, Isabelle Huppert oder Wim Wenders, um nur einige zu nennen. Solche Shootings berühren mich besonders, weil sie oft weit über die Fotografie hinausgehen – es geht um Haltung, Persönlichkeit und Kreativität auf höchstem Niveau.
Deine Produktion mit Christoph Waltz der Zeitschrift MAX war ikonisch. Du hast den Hollywood-Schauspieler in seiner Geburtsstadt Wien für das Titelshooting getroffen. Es scheint, als hättet ihr euch gut verstanden – wie würdest du eure Zusammenarbeit beschreiben? Peter: So ein Shooting ist letztlich immer ein professionelles Arbeitsverhältnis – vergleichbar mit einem Meeting oder einem Probedreh. Christoph Waltz war dabei ausgesprochen großzügig mit seiner Zeit, was ein absoluter Glücksfall ist. Gleichzeitig waren wir als Team sehr gut vorbereitet: Wir hatten einen kompletten Tag für das Shooting eingeplant, und der Ablauf war perfekt organisiert. Schon zu Beginn hatte ich das Gefühl: Das wird gut laufen. Und so war es dann auch – es hat wirklich viel Spaß gemacht.
Du hast als Fotograf das Privileg, mit Künstlern, Politikern und Musikern zu arbeiten, die oft sehr persönliche Aspekte ihres Lebens zeigen – sei es ihr Geburtsort oder ihr Zuhause. Wie gehst du mit dieser Intimität um? Peter: Wie schon zuvor erwähnt, ist für mich eine professionelle Herangehensweise entscheidend. Natürlich kann es im Laufe eines Shootings vorkommen, dass sich eine gewisse persönliche Ebene entwickelt – aber dieses Gefühl von Nähe sollte nicht mit Freundschaft verwechselt werden. Ich bin davon überzeugt dass zu viel Nähe keine wirklich guten Bilder entstehen lässt. Durch meine Distanz schärft sich der Blick und ich erkenne neue oder bisher unbekannte Aspekte einer Person.
Fotografie ist mehr als nur das Festhalten von Momenten – sie erzählt Geschichten. Gibt es ein Bild, bei dem du das Gefühl hattest, etwas wirklich Einzigartiges eingefangen zu haben? Was war der „magische Moment“ dabei? Peter: Für mich liegt die Besonderheit der Fotografie – so wie ich sie verstehe – im „Festhalten“ von Zeit. Besonders spannend ist, dass manche Bilder über die Jahre hinweg an Relevanz gewinnen, während andere, die zum Zeitpunkt der Veröffentlichung viel Aufmerksamkeit hatten, später in Vergessenheit geraten. Genau darin liegt die Magie der Fotografie: Besonders starke Fotos lassen sich kaum erklären, sie befinden sich in einem „Schwebezustand“. Jeder Betrachter kann darin immer wieder Neues entdecken.
Das Durchforsten und Bearbeiten meines Archivs gehört zu den spannendsten und schönsten Momenten meines Arbeitsprozesses. So kann ich Orte rund um den Globus neu entdecken – sei es bei wunderbaren Reisen nach Äthiopien, Feuerland oder Städten wie Neapel, Rom und Athen, Sehnsuchtsorte wie Marrakesch oder die Andenstädte Perus. In meinen Bildern leben diese Momente weiter, und sie laden dazu ein, Erinnerungen zu wecken.
Für Peter Rigaud ist Fotografie weit mehr als das bloße Festhalten von Momenten – sie ist eine Kunst, Zeit erlebbar zu machen und Geschichten zu erzählen, die über das Bild hinaus wirken. Eine Selektion seiner Arbeiten zeigen wir hier bei GoSee, viel mehr zu Entdecken gibt es auf seiner Webseite und natürlich via Shotview.