Körper, Tiere, Masken, Skulpturen, Mythen und eine permanente Irritation zwischen Schönheit und Unbehagen: Camille Vivier erschafft seit mehr als zwei Jahrzehnten Bildwelten, die sich jeder eindeutigen Zuordnung entziehen. Ihre Fotografien bewegen sich zwischen Mode und Kunst, zwischen Realität und Traum, zwischen körperlicher Präsenz und surrealer Inszenierung. Frauen werden bei ihr zu Heldinnen, Tiere zu Symbolen und Stillleben zu rätselhaften Erzählungen voller Spannung und Poesie.
Nun widmet die Maison Européenne de la Photographie (MEP) in Paris der französischen Fotografin ihre erste große Retrospektive. Wobei Camille Vivier selbst den Begriff im Gespräch mit AnOther Magazine mit einem Augenzwinkern relativiert: "It's a sort of retrospective, but not really because I'm not that old..." Die von Victoria Arescheva kuratierte Ausstellung versammelt vom 10. Juni bis 13. September 2026 rund zehn Werkserien und nahezu 100 Arbeiten aus 25 Jahren - darunter Silbergelatine- und Digitalabzüge, Polaroids sowie eigens für die Ausstellung entwickelte neue Arbeiten.
Camille Vivier bewegt sich seit Beginn ihrer Karriere an der Schnittstelle von Modefotografie und freier künstlerischer Forschung. Nach ihrem Studium an der École supérieure d’art de Grenoble und am Central Saint Martins College in London begann sie Ende der 1990er Jahre als Assistentin beim legendären Magazin Purple. Parallel zu ihrer editoriellen Arbeit entwickelte sie eine fotografische Handschrift, die sie heute zu den spannendsten Stimmen der zeitgenössischen französischen Fotografie macht.
Ihre Arbeiten erschienen in i-D, Dazed & Confused, AnOther Magazine und The New Yorker. Gleichzeitig realisierte sie Kampagnen und Auftragsarbeiten für Marken wie Stella McCartney, Martin Margiela, Cartier, Eres, Kenzo, Dior und Hermès.
Im Mittelpunkt ihrer fotografischen Arbeit stehen seit jeher Körper und Stillleben. Einen Fokus legt Vivier auf den weiblichen Körper und dessen Ausdrucksformen. Ihre Modelle sind häufig Frauen, die traditionelle Vorstellungen von Schönheit, Stärke und Weiblichkeit hinterfragen oder neu definieren. So fotografierte sie unter anderem Bodybuilderinnen wie Sophie, Tjiki oder Deborah und entwickelte Bildwelten, in denen Kraft, Identität und Verletzlichkeit sichtbar werden.
Ebenso prägend für ihr Werk ist die Auseinandersetzung mit Tieren. Pferde, Frösche, Schlangen oder Vögel tauchen immer wieder in ihren Arbeiten auf. Vivier interessiert dabei vor allem die symbolische Aufladung dieser Wesen und ihre Rolle als Bindeglied zwischen Mythos, Natur und menschlicher Vorstellungskraft.
Die Retrospektive beleuchtet auch Viviers Faszination für das Unheimliche und Ambivalente. Ihre Protagonisten treten in geheimnisvolle Beziehungen zu Objekten, Skulpturen und künstlichen Umgebungen. Monumentale Kunstwerke im öffentlichen Raum stehen dabei ebenso im Dialog mit den biomechanischen Visionen von H. R. Giger, die einst für den Film Alien entstanden. In diesem Spannungsfeld zwischen Belebtem und Unbelebtem, Fleisch und Materie, Schönheit und Irritation entwickelt Vivier jene unverwechselbare Bildsprache, für die sie international bekannt geworden ist.
CAMILLE VIVIER
10. Juni - 13. September 2026
Maison Européenne de la Photographie (MEP)
5/7 rue de Fourcy, 75004 Paris