Wir trafen Designerin Somchit Sinthirath im Garten der Villa Noailles in Hyères, wo sie auf Einladung des Modefestivals einen Workshop zu den Grundlagen der Mode gab, der hohen Kunst des Handwerks, des ‚savoir-faire‘ der Mode. "For this workshop especially created for the 30th anniversary of Hyères festival, I was inspired by the work of Romare Bearden, an African-American artist who reinterpreted in his paintings the odyssey of Ulysses," erklärte Somchit, während sie aufmerksam die ersten Geh-Versuche ihrer Workshop-Teilnehmer begutachtete. Aufgabe war es Szenen aus der Odyssee mittels 'draw & cut' nachzuempfinden und sie auf Silk Chiffon Tank Tops zu applizieren.
Somchit selber ist in der dritten Generation dem Schneiderhandwerk verbunden. Bereits mit 18 Jahren machte sie sich mit ihrer Mutter selbständig um Prototypen für alle großen Pariser Couture-Häuser zu produzieren. "Die Essenz meiner Arbeit kann man mit Technik-Verliebtheit umschreiben, genauer mit der Erforschung und Entwicklung derselben. Und zwar im Endeffekt in der Vereinfachung, doch paradoxerweise beruhen selbst die schlichtesten Teile meiner Kollektion auf ausgefeilter Technik, was absolut kein Widerspruch ist."
Mit 19 Jahren traf Somchit auf den Designer Jean Colonna - eine ihrer wichtigsten Begegnungen. "This was a decisive encounter for me which strongly influenced my career path. Up until then I had only worked for high end fashion houses, where the techniques used are rigorous and very academic.I discovered Jean's creative universe as a kind of aesthetic shock. No "coutures anglaises", no handkerchief hem's, instead visible over sewing, raw edges, very free textile experiments. The compilation of all these elements resulted in a very young and trendy style which I easily imagined wearing. I therefore discovered a new way of viewing women's clothing and of creating a garment." 21 sehr inspirierende Jahre sollten diese ersten Begegnung folgen, die im Altern von 22 Jahren zum Besuch des Studio Bercot führten - parallel zu ihren Jobs für Jeam Colonna und weitere Modehäuser.
Aus der Studentin wurde im Lauf der Jahre eine angesehene Näh-Lehrerin an der renommierten Schule Studio Bercot - sowie begeisterte Anhängerin einer Technik mit Namen "origami tessellation". Ein Sponsorship führte sie nach Thailand und in der Folge zur erstmaligen Präsentation ihrer Arbeiten natürlich namens "origami tessellation" an der Seite von Jean Colonna, der ihr in der Folge eine Kollaboration "Somchit Sinthirath for Jean Colonna" anbot.
Wie kam es zu dem Workshop in Hyères? Es war Festivalleiter Jean-Pierre Blanc, der mich dazu einlud. Wir trafen uns einige Wochen zuvor für ein anderes Projekt - eins ergab das andere und so kam es zu dem Workschop für Festivalteilnehmer, Kinder, Erwachsene, Laien, ... wer auch immer wollte.
Gab es Richtlinien oder hattest Du Carte Blanche? Nein, ich konnte den Workshop gestalten wie ich wollte, die einzige Beschränkung war die Zeit und natürlich die Gewissheit das es keine homogenes Teilnehmerfeld werden würde. Da es das 30te Festival war wollte man gerne etwas Besonderes und das jeder am Ende mit einem schönen Souvenir nach Hause geht. Da die Zeit natürlich knapp par kam ich auf die Idee mit dem Tanktop, das dann vor Ort 'finalisiert' wurde. Als Inspiration diente mir hierfür der afroamerikanische Künstler Romare Bearden, der 1977 eine Collagenstrecke zum Thema ‚the black Odysse‘ anfertigte in der er die Odyssee zeitgenössisch interpretierte. Ich habe die T-Shirts vorbereitet, ebenso wie die Vorlagen für die Collagen, so konnten die Teilnehmer selber ihre eigenen Szenen entwerfen.
Du hast mit nahezu jedem in der Branche bereits gearbeitet, kannst Du uns hieran ein wenig teilhaben lassen? Mit 18 Jahren machte ich mich mit meiner Mutter und unserem 'Atelier de Prototypage' selbständig. Unsere Kundschaft bestand aus den großen Namen der noch größeren Häuser sowie angesagten jungen Designern die absolut in Mode waren. ich hatte gerade mein Abitur bestanden und überhaupt keine Ahnung von Mode als Business. Alles was ich konnte, war Nähen samt der dazu gehörenden Techniken und für mehr interessierte ich mich damals auch nicht.
Eines Tages kam André Walker, ein Kreateur für den wir Prototyen für die Defilees anfertigten mit seinem Stab in unser Atelier, bestehend aus rund 15 Freunden und Praktikanten. Nachmittags kam dann dieser super-sympathische Junge dazu, der allen Getränke und Essen mitbrachte. Am nächsten Tag war André Walker eingeladen zum TV.-Sender Canal+ in die Sendung ‚le grand journal‘ und dort tauchte dann wieder dieser Junge an seiner Seite auf. Ich fragt mich was er da machte - bis ein Kollege mich aufklärte: 'der Junge' war Marc Jacobs, der neue Art Director von Louis Vuitton. Warum ich mich genau an diese Geschichte erinnere? Ich denke vielleicht weil er der erste Star war dem ich begegnete und mir das Mode-Milieu damals wirklich noch sehr fremd war.
Technik und Handwerkskunst scheinen Dir ins Blut übergegangen zu sein. Ist das überhaupt noch realistisch in 2015? Das Arisanat, also die Handwerkskunst, erlebt schwierige Zeiten. 2015 gibt es kaum noch Couture-Ateliers, Stickerei, Knopfmacher, .... alles ist im Begriff zu verschwinden. Das sah vor zehn, zwanzig Jahren in Paris ganz anders aus, viele mussten aufgrund fehlender Arbeit schließen. Die Globalisierung delokalisierte natürlich auch ihre Arbeit - und ob es in 2015 noch realistisch ist? Ich denke schon, man muss den Prozess nur neu durchdenken, und zwar von der Produktion bis zur Distribution.
Heute favorisieren die meisten Unternehmen ein pyramidales Wirtschafts-System, aufgebaut vor allem auf Profit. Das Fortbestehen von bspw. alten Techniken ist nur sekundär von Bedeutung. Folglich ist es schwierig auf sie als Erhalter der Handwerkskunst zu zählen ..... somit müssen Designer und Künstler selber überlegen wie sie ihre Künste erhalten und ausbauen. Jedes Jahr werden unzählige junge Menschen in diesen Handwerkskünsten ausgebildet, wobei die Arbeitsplätze, da limitiert auf das alleroberste Luxus-Segment, extrem begrenzt sind. Alle anderen müssen selber sehen wie sie von ihrer Hände Arbeit leben können und für sich selber den Markt so gut es eben geht erobern. Eine sehr schwere Aufgabe für den Einzelnen - und es wird immer schwerer denn der Pret-a-porter Markt ist weitgehend gesättigt und die Kosten verbunden mit einer eigenen Kollektion steigen.
Ich denke Crowdfunding könnte hier vielleicht der erfolgversprechendste Ansatz sein, ist es in vielen anderen Bereichen doch schon erfolgreich etabliert. Es bietet als 'horizontales System' den Kreativen die Möglichkeit gleichberechtigt und rücksichtsvoll zusammenzuarbeiten für ein individuelles Klientel, das man sich langsam und sorgfältig aufbauen kann. So ist AADARZA für mich eine Art Prototyp: Wenn es für uns funktioniert, dann macht es vielleicht auch anderen Kreativen Lust auf Zusammenarbeit.
Worum geht es denn genau bei AADARZA? AADARZA ist ein Künstlerkollektiv, dass sich zum Ziel gesetzt hat die zeitgenössische Mode neu zu definieren. Die Idee hierzu kam mir auf einer Reise durch Indien und Asien. Dort haben die Mode-Zünfte noch schöne Tage vor sich, es ist überhaupt kein Problem Stoffmacher, Schneider, Putz-Macher an jeder Ecke zu finden. In Paris sind diese Berufe in den letzten zehn Jahren nahezu ausgestorben. Zudem sind die Arbeitsbedingungen für unsere Verhältnisse bei denen, die durchhalten vorsichtig ausgedrückt oftmals prekär zu nennen. Wir verlieren hierdurch große Talente und einzigartiges Handwerk - und das Projekt AADARZA soll darauf zumindest aufmerksam machen.
Woher stammt der Name AADARZA? AADARZA kommt aus dem Sanskrit und bedeutet so viel wie ‚pattern‘ und ‚ideal‘. Wenn ich einen französischen Begriff nennen sollte der dem Wort nahe kommt, so wäre das vermutlich ‚un paradigme‘. Das Wort AADARZA steht für mich für die Idee eines neuen Mode-Models sowie der Gültigkeit seiner Prinzipien und seiner Methoden für die Gemeinschaft, also alle Beteiligten. Heutzutage leidet die Mode unter der fehlenden Wertschätzung sowohl der Kreativen ebenso wie der Handwerker. Und einhergehend bietet sie immer weniger Möglichkeiten zur Entfaltung sowie kaum noch Perspektiven. Das schöne für mich an dem Wort ist, dass es mir immer wieder vor Augen hält, das die Sachen nicht endgültig sind sondern sich immer ändern können.
Und was ist dann konkret die Absicht dahinter? Hier kann ich Dir sehr schön mit dem Künstler-Manifest des Malers Ernst Ludwig Kirchner antworten, einem deutschen Expressionisten : „Mit dem Glauben an Entwicklung, an eine neue Generation der Schaffenden wie der Genießenden rufen wir alle Jugend zusammen, und als Jugend, die die Zukunft trägt, wollen wir uns Arm- und Lebensfreiheit verschaffen gegenüber den wohlangesessenen älteren Kräften. Jeder gehört zu uns, der unmittelbar und unverfälscht wiedergibt, was ihn zum Schaffen drängt.“, für mich das perfekte Resümee von AADARZA (Das von Kirchner verfasste Programm der Brücke wurde am 9. Oktober 1906 der Öffentlichkeit in der Elbtal-Abendpost präsentiert. Kirchner fertigte einen Holzschnitt an, auf dem er das Programm formulierte). Ansätze dazu gibt es auf der ganzen Welt, siehe auch coworkingmanifesto.com.
Was sind Deine nächsten Projekte? Konkret arbeite ich an zwei Projekten - das erste "PARADIGME / Valoriser le savoir-faire par la création" und das zweite ist ein Wochend-Workshop zum Thema "MECENAT/ Transmettre le savoir- faire". Wer dazu mehr erharen will, kann sich gerne an mich wenden.
About - SOMCHIT SINTHIRATH. Since her early childhood, her mother worked as a seamstress at home for various big fashion houses. Passionate about her profession, and having a real talent for "couture flou", there was no lack of work at home. Dior, Chanel, Paco Rabanne, Givenchy, Lacroix, Nina Ricci, Emmanuel Ungaro. Seeing so many of the big brands parading through her sitting room helped her learn the basics of this business. These were very formative years, where she learned all aspects of "couture flou" from her mother. Silk chiffon, crepe, satin, very fine cotton, velvet .... very quickly Somchit understand what a demanding profession this is, and that every last millimetre counts. She learned not only machine sewing, hand sewing, cutting, ironing, but also learn to think as a "mecanicienne modèle" whilst making their first prototype. From one season to another, the styles, material, and cuts change.
After 17 years experience, Somchit has worked on hundreds of different creative projects. She worked as a "mécanicienne modèle, première main" for Dior, Gallianno, Paco Rabanne, Nina Ricci, Guy Laroche… she worked closely with Jean Colonna for over 10 years, for whom she produced prototypes, created new textiles and worked on volumes. Somchit was "responsible d'atelier" for projects such as "The preparation for the Venise biennale closing ball, organised by the Hyères festival in 2006 under Jean Colonna's artistic direction".
Somchit worked as the head of a company producing prototypes from 2008 until 2012 where she worked for Givenchy, Rue du Mail, Lutz, Jean Colonna, Abraham Pelham, Nouvelle Affaire… she also worked on uniform projets (Meurice, Piaget, Swarowsky, L'Oréal, La Prairie, la Maison de l'Emir du Qatar), advertising (Evian, Armani, Victor & Rolf, Givenchy, ING Direct) as well as photographic projects (Héroïnes de Bettina Rheims) and high end bespoke projects for private clients.
