Wer sich beim Anschauen amerikanischer Serien schon ungläubig gefragt hat „Gibt es wirklich Frauen, die schon morgens mit so perfekten Haaren aufwachen?“, der bekommt die Antwort bei einem frühen Kaffee mit Alexandra Zita Zygar. Ja, die gibt es. Und ja, die können dabei auch noch wahnsinnig fröhlich, sympathisch und unangestrengt sein. Alles Attribute, die man von einem erfolgreichen Model nicht erwarten würde. Die kastanienbraunen Haare liegen mühelos in großen Locken auf ihrer Schulter, ein paar Strähnen machen sich selbständig, fallen ihr entzückend ins Gesicht. Sie streicht sie beiläufig hinters Ohr. Man glaubt ihr sofort, dass sie dafür nicht lange im Badezimmer gestanden hat und muss unweigerlich an die eigenen Haare denken, die sich widerspenstig dem heißesten Glätteisen widersetzen.
Seit fast zehn Jahren ist Alexandra Zita Zygar in der Kartei von Brüderchen und Schwesterchen. „Wir waren bei einem Modeevent im Stahlwerk und zwischen all den Leuten stach sie schon damals heraus“, erinnert sich Agenturinhaberin Steffi Rittmeyer. Kleine Grübchen, zarte Haut und eine ganz offene Art gefielen Steffi sofort. Sie hatte sich gerade erst gemeinsam mit Markus Lienert mit der Agentur für spannende Gesichter selbstständig gemacht. Alexandra wird Model Nummer 167 in der Kartei.
Was Steffi Rittmeyer und Markus Lienert da noch nicht wissen - Alexandra hatte schon erste Erfahrungen vor der Kamera gesammelt. Ihr Weg ins Modelbusiness scheint fast unausweichlich. In der Schule wird sie von der Mutter eines Freundes angesprochen. Die hat eine Werbeagentur und sucht ein paar Teenager für Bilder in einer Präsentation. Das Shooting macht Alexandra gleich Spaß. „Wir wurden unter Wasser fotografiert, für uns war das einfach ein super Tag im Schwimmbad“. Die Krankenkasse, der die Bilder beim Pitch gezeigt werden, ist gleich begeistert und die Werbeagentur bekommt den Zuschlag. Alexandra ist dabei. Für einen Kinogutschein und ein kleines Honorar. Und wird von da an regelmäßig über die nun entstandene Kartei der Werbeagentur gebucht.
„Ich habe es wirklich nie darauf angelegt, Model zu werden“, sagt Alexandra und nippt an ihrem Ingwertee. Aber auch eine Freundin, deren Vater Fotograf ist und eine Kampagne für Lockenstäbe umsetzen soll, möchte Alexandra als Werbegesicht. „Das war eine richtig große Sache“, sagt sie, der die Aufmerksamkeit fast ein bisschen unheimlich wurde. „An einem Morgen hatte jemand meine Bilder in der ganzen Schule tapeziert“, erinnert sie sich, „ich habe dann erstmal auf dem Klo gesessen, weil mir das so peinlich war und versucht, alles abzureißen“. Heute ist es für sie normal, sich auf Plakatwänden, an Bushaltestellen oder in der Zeitung zu sehen. Aber großes Aufheben möchte sie um ihren Job nicht machen. „Mir war das Kreative eigentlich immer wichtiger“, sagt sie. Ursprünglich hatte die in Polen geborene Alexandra vor, bei Vivienne Westwood in Berlin Modedesign zu studieren. „Ein Jahr vor meinem Abi hat sie aufgehört, dort zu lehren“, erinnert sie sich und etwas Wehmut klingt noch jetzt dabei mit. Sie entscheidet sich für eine Schneiderlehre und später noch für eine weitere Ausbildung zur Schnitttechnikerin.
An ihren Geburtsort Ratibor kann sie sich nicht mehr gut erinnern, seit sie 3 Jahre alt ist lebt sie in Deutschland. „Ich spreche kaum Polnisch und verbinde mit Polen vor allem die extrem fleischlastige Küche“, lacht sie und verzieht leicht das Gesicht. Als Quasi-Vegetarierin nicht so ihr Ding. Wieso Quasi? „Ich verzichte in der Regel drauf, aber neulich war ich auf einem Shooting und es gab wirklich nichts zu essen außer Schnitzel“, erzählt sie. „Ich kann ja nicht nur mit einem Apfel im Bauch ins Bett“. Da lacht sie schallend und viel lauter als man es einer Frau mit ihren zarten Gesichtszügen zutrauen würde.
Andere Models hätten damit vielleicht weniger Probleme. „Ich war nie eine Size Zero und werde auch keine, dafür esse ich einfach viel zu gern“. Noch so ein Satz, für den man sie einfach ins Herz schließen muss, zumal es stimmt. Bei ihr passen die Proportionen perfekt, sie ist schlank und sportlich (hält sich durch Boxen und Yoga fit), hat aber durchaus weibliche Kurven. Es sei nicht leicht, sich gesund durchs Modegeschäft zu bewegen. „Eine Freundin von mir, die auf der Mailänder Modewoche gelaufen ist, war definitiv zu dünn und wurde trotzdem gebeten, weiter abzunehmen“, sagt sie. Ähnliches sei ihr nie passiert, das sei in der Werbung auch gar nicht gewünscht. „Zu dünn findet niemand schön“, ist sich auch Steffi Rittmeyer von Brüderchen und Schwesterchen sicher.
Ihr Leidenschaft fürs Kulinarische könnte auch ein Grund sein, warum sie so gern für Produkte aus diesem Bereich wirbt. „Mein Gesicht ist gerade auf den Verpackungen italienischer Produkte eines Discounters“, freut sie sich. Einen solchen Lauf bei Buchungen wie in diesem Jahr hatte die 30-Jährige noch nie. „Ich habe sowas in den zehn Jahren unserer Agentur noch nicht erlebt“, sagt auch Steffi Rittmeyer, „Alexandra hatte locker über 30 Jobs 2015“.
Planen lässt sich sowas nicht. „Seit „Germany´s Next Topmodel“ will ja gefühlt jedes Mädchen Model werden“, sagt Alexandra, „ich hatte diesen Plan nie“. Momentan arbeitet sie hauptberuflich als Model, bei der Vielzahl der Buchungen könnte sie auch keinen „nine to five“-Arbeitsplatz haben. „Ich habe zu Hause ein Schneider-Atelier, da kann ich eine ganz andere Seite ausleben“. Von dem profitieren momentan aber vor allem ihre Freunde, denen sie das Hochzeitskleid oder sogar einen Anzug nähen kann. 40 Arbeitsstunden können da schon mal zusammen kommen. „Das ist auch das Problem des Handwerks, das kann ja keiner bezahlen“. Neben der Genießerin schlüpft sie gern in die Rolle des urbanen Großstadtmädchens. Verliebt in ein Reiseziel durch die Stadt zu schlendern, „das fällt mir leicht, das könnte ich auch privat sein“. Trotzdem sei es wichtig, sich selbst zurücknehmen zu können. Die Frage nach dem Traumjob Model könne man deshalb gar nicht so pauschal beantworten.
„Wenn man gern reist, immer wieder auf neue Teams und Menschen treffen möchte und dann beim Shooting oder Dreh eine Rolle spielen kann, für den ist der Job schon toll“. Große Flexibilität, immer wieder spannende Erlebnisse, Orte und Shootings, dann aber auch mal langes Warten, Rumsitzen und Geduldigsein. „Was zu Erzählen gibt es eigentlich immer“, sagt die quirlige Alexandra, das erfolgreiche Model ohne Allüren. Über Kopf von einem Gerüst hängend, mit wechselnden Partnern („ich hatte schon zig Ehemänner“), im Kalten, Nassen oder am Strand. „Meine Eltern haben sich das sicher auch nicht für mich vorgestellt, aber jetzt finden sie meine Erfahrungen klasse“, meint sie. Beim Kennenlernen gibt sie auf die unweigerliche Frage nach dem Beruf meist zuerst Schneiderin an, um nicht direkt in einer Schublade zu landen. Was mit der Phantasie passiert, wenn man sich als Model outet, durfte Alexandra gerade erst feststellen. „Ich werbe für ein Datingportal und musste mich aus rechtlichen Gründen dort tatsächlich registrieren“, erzählt sie. Ohne Foto erstellt sie ein Profil. Beruf: Model. Die Anfragen, die sie pro Stunde von Männern erhält, sprengen ihr Postfach. „Ich habe dann den Beruf auf Schneiderin geändert, es gab kaum noch eine Anfrage“, lacht sie schallend.
Auch Buchungen können mal ausbleiben, das hat sie schon erlebt. „Ein bisschen Glück und die passenden Bilder auf der Sedkarte gehören dazu“, weiß Steffi Rittmeyer. „Ich habe ihr mal davon abgeraten, sich die Haare blond zu färben, was sie aber trotzdem gemacht hat“, lacht die Agenturchefin. Sie hat schließlich ihren eigenen Kopf. Letztlich hat Steffi Recht behalten, der Ausflug ins Platinblond war nur ein kurzes Intermezzo. Die Kunden lieben Alexandra so natürlich wie sie ist. Von anderen Frauen hat sie auch schon mal gehört „Wie? Du bist Model? Dann kann ich das ja wohl auch“. „Die erwarten irgendwie jemand Glamouröses“, glaubt sie. „Klar, bewirb dich doch auch einfach mal“, sagt sie dann und es wirkt überhaupt nicht schnippisch. Die oft vermutete Stutenbissigkeit unter Models ist ihr fremd.
Hat sie denn einen Tipp für alle, die wirklich darüber nachdenken, zum Casting zu gehen? „Weniger Make-up“. Viele junge Frauen würden glauben, das müsse sein, es mache aber letztlich viel älter. „Ich ziehe mein Selbstbewusstsein auch einfach nicht über die Optik. Das hilft.“, sagt sie überzeugt. Vielleicht ist das ihr Geheimnis. Dass sie jeden Job mit Freude und Professionalität macht, aber ihn nicht krampfhaft will. „Ich lasse das Leben auf mich regnen“, lacht sie, „ich hatte schon so viele Jobs, wenn es mit dem Modeln vorbei ist, mache ich einfach was anderes“. Ob Köchin für 100 durstige Menschen im Biergarten, Konzertkritikerin, Jobs am Theater oder im Café. „Irgendwas findet sich doch immer“. Nicht von allem einen Plan machen, jeden Tag so nehmen, wie er kommt, fröhlich und flexibel bleiben. Ihre Idee vom Modeljob scheint als Rezept für das Leben im Allgemeinen zu taugen.
Text: Johanna Wehler für Brüderchen & Schwesterchen.