Woche für Woche entscheidet Frances Uckermann, Art Direktorin des STERN, mit ihrem Team aus Bildredakteuren, Grafikern und Infografikern, wie politische, kulturelle oder auch Wirtschaftsthemen im STERN visuell umgesetzt werden. Welche Reportage ins Magazin kommt, wieviele Doppelseiten möglich sind und wer es aufs Cover schafft. Frances Uckermann prägt seit April 2014 als Art Direktorin das Bild vom STERN. Zuvor leitete sie bereits das Ressort Grafik und arbeitete mit dem damaligen AD Johannes Erler am Relaunch des Magazins. Editorial Design, Artdirektion, Dozentin, Mediengestaltung, Magazinentwicklung - das sind die Themen, mit denen sie sich beschäftigt. Frances Uckermann studierte Visuelle Kommunikation in Kassel, arbeitete bereits von 1993 bis 1998 in allen optischen Abteilungen des STERN und war als Art Direktorin unter anderem bei den Heften Allegra, stern Campus, Zeit Wissen und dem Zeit Studienführer an vorderster Magazin-Front.

GoSee traf Frances Uckermann im Rahmen des Fotofrühlings in Zingst an der Ostsee, wo sie als Referentin über ihre Arbeit beim STERN berichtete. Da sie das Publikum genauso begeisterte wie uns, baten wir Frances zu einem Qvest auf GoSee....

Als Art Direktorin vom STERN stehst Du gleich hinter der Chefredaktion und bist in Zusammenarbeit mit der Bildredaktion für die visuelle Welt des Magazins verantwortlich. Ein 24/7 Job? Gedanklich auf jeden Fall. Wir verbinden beim Stern Aktualität mit langfristig angelegten Geschichten. Das heißt, es gibt eigentlich immer etwas zu tun. Für die Redaktion kann das, vor allem an Produktionstagen, auch zeitlich sehr aufwendig werden. Und natürlich suche ich auch in meiner freien Zeit ständig nach Ideen und Anregungen. Die Augen schalten sich ja nicht einfach ab. Aber ich komme schon noch zum Schlafen, vielen Dank!

Was würdest Du sagen, ist für Dich das ganz Besondere an Deinem Job? Das Besondere ist für mich neben der Verbindung von Typografie, Grafikdesign, Infografik, Illustration und Fotografie, die Zusammenarbeit mit vielen, ganz unterschiedlichen Menschen und ihren jeweiligen Ideen, Zugängen, Erfahrungen – und am Ende wird daraus ein gemeinsames Produkt. Und zwar jede Woche ein neues. Diese Teamarbeit und die thematische Vielfalt, für die der Stern steht, sind einmalig. Innerhalb einer halben Stunde darüber nachzudenken, wie wir die Krise in Griechenland visualisieren, wie das Extra Mode aussehen soll und wer die Bundeskanzlerin fotografisch begleiten könnte, ist schon sehr reizvoll. Und mir macht es Spaß, aktuell zu arbeiten.

Welche Bereiche gestaltest und kuratierst Du persönlich am liebsten und warum... Kultur, Politik, Reportagen...? Ich habe da keine Präferenzen. Jedes Thema hat seinen eigenen Reiz. Sehr am Herzen liegen mir Geschichten, bei denen sich die Leidenschaft und das Engagement der Fotografin oder des Fotografen zeigen. Da ist dann die Herausforderung, solche Geschichten so ins Heft zu bringen, dass sich dieses Gefühl auch auf unsere Leserinnen und Leser überträgt.

Mit Deinem Team seid Ihr ständig auf der Suche nach visuell ansprechend umgesetzten Themen. Was reizt Dich hier bzw. wie kann man Dein fotografisches Herz erobern? Da gibt es kein allgemein gültiges Rezept. Aber mir gefällt es schon sehr, wenn Fotografinnen und Fotografen nicht nur in Einzelbildern denken, sondern wie gesagt Geschichten erzählen. Wenn sie die Menschen, die sie abbilden mit Respekt begleiten und das Komplexe, das in jeder Person steckt, auch im Bild zeigen können.

Vielleicht dazu zwei Beispiele: Die Geschichte des Paares Shane und Maggie, bei der die junge amerikanische Fotografin Sara Lewkovicz einen jungen Ex-Sträfling auf seinem schwierigen Weg zurück begleitete, erzählt aufrüttelnd, aber auch anrührend von den Problemen des Paares und ihrer beiden Kinder. Das Bild, auf dem Shane seine Freundin verprügelt, ist ja sehr oft gezeigt worden (Sara hatte übrigens längst die Polizei gerufen, bevor sie fotografierte). Aber die Geschichte, so wie sie bei uns erschien, ist dann doch noch einmal vielschichtiger, als es dieses eine Bild hätte vermuten lassen. Und das verdanken wir Sara, die über Monate hinweg sehr dicht dran war – und auch dran geblieben ist.

Eine weitere Geschichte, die mir einfällt, ist der Streifzug von Florian Müller durch die Welt der Fetischisten und BDSM-Szene. Er findet auf großartige Weise eine Balance zwischen dem Skurrilen, dem zutiefst Menschlichen und dem Erotischen, das in dem Thema liegt. Bilder, die er nur machen konnte, weil die Abgebildeten spürten, dass sie ihm vertrauen können und er sich wirklich für sie interessiert. Ich könnte jetzt noch dutzende weitere Arbeiten nennen, aber ich glaube, ihr habt einen Eindruck.

Stichwort Nahaufnahmen im STERN. Nach dem Terroranschlag in der Redaktion von Charlie Hebdo in Paris habt Ihr Fotos vom Tatort veröffentlicht. Diskutiert Ihr in der Redaktion häufig über den Spagat zwischen Aufklärungsjournalismus und Skrupel? Nicht im Sinne einer ständigen Grundsatzdiskussion. Wir halten natürlich bestimmte Regeln ein und haben bei dem betreffenden Bild die schrecklichsten Details gepixelt. Klar ist aber auch, dass wir angesichts dessen, was heute überall passiert, nicht nur heile Welt zeigen können. Wir sind da schon auch der Wahrheit verpflichtet, aber suchen natürlich nicht nach dem Schock um des Schocks wegen.

Der Titel des STERN ist jede Woche ein großes Thema. Wie suchst Du hier die Fotografen und Illustratoren aus oder kann man sich auch bei Euch bewerben? Natürlich kann man sich bei uns bewerben. Gute Ideen sind immer willkommen. Wer mag, ob IllustratorIn, GrafikerIn oder FotografIn, kann doch einfach mal fünf verschiedene Stern-Titel zu selbst gewählten Themen basteln und die an mich schicken. Ich antworte auch ganz bestimmt! Wir arbeiten aber natürlich schon mit vielen Kolleginnen und Kollegen zusammen, die ihre unterschiedlichen Schwerpunkte haben und von denen wir wissen, dass sie zur Not auch in kürzester Zeit gute Resultate erzielen können. Wir haben da eine sehr lange Liste, auch von Bildern, die ich gern mal auf dem Titel sehen würde.

Neben Familie und Deinem Fulltime Job unterrichtest Du an der Henri-Nannen-Journalistenschule im Bereich Grafik Design. Lieben oder ‚fürchten‘ Dich Deine Schüler? Da mich die Schüler nur bei Einführungskursen zur Zeitungs- oder Magazingestaltung zu Gesicht bekommen und ich nicht über ihre berufliche Zukunft entscheide, würde ich sagen: weder noch. Aber dazu muss ich sagen, dass es sich um Kurse für junge Journalisten handelt, denen ich erklären soll, warum auf den gedruckten Seiten nicht nur ihr Text stehen kann. Grafikdesigner bilden wir im Haus nicht aus -– leider. Denn ich denke, dass die Magazin-Zukunft den Menschen gehört, die Visualisierung und Journalismus zusammen-denken und zusammen-bringen können.

Du hast in Deinem Vortrag wichtige Tipps für Fotografen formuliert, die beiden Seiten das Leben erleichtern. Kannst Du uns die Punkte noch einmal nennen? Mein Feedback bezog sich vor allem auf die Webseiten von manchen Fotografen, die es Bildredakteuren, Artdirektoren oder Artbuyern nicht immer leicht machen. Zum Beispiel: ein Bildredakteur sieht irgendwo tolle Arbeiten eines Fotografen, der Credit dort ist der Eigennamen des Fotografen „Tom Mustermann“. Dieser nennt seine Website aber „Knipser.de“ oder „Lichtwerk.de“ und ist deshalb bei Google nicht leicht zu finden.

Oder es gibt kryptische Menüpunkte wie Portfolio 1, 2 und 3, durch die man sich mühsam durchklicken muss. Bilddateien sollten mit entsprechenden Namen versehen sein, damit man weiss, woher sie kommen, nachdem man sie heruntergezogen hat. Als Wohnorte Tokio, Kapstadt, New York und Berlin zu nennen mag sich eindrucksvoll anhören. Für die Auftragsvergabe ist es aber meist wichtig zu wissen, in welcher Stadt der Fotograf aktuell lebt. Nur eine Handynummer und eine Mailadresse geben darüber keine Auskunft. Und: oft wird nicht verraten, was, wann, für wen entstanden ist. Freie Arbeit? Auftrag? Veröffentlicht? Ein paar Infos sind sehr willkommen.

Außerdem finde ich Seiten lästig, bei denen man sich lange Animationen anschauen muss, und für die Navigation einzelne durchlaufende Bilder „einfangen“ muss. Letzter Punkt, Kanäle sortieren: Es ist aufwendig, die eigene Webseite immer zu aktualisieren. Deshalb betreibt der Fotograf oft auch einen Blog. Dort landen neben eigenen Arbeiten auch fotografische Fundstücke, ohne dass für den User klar wird, was davon wie zuzuordnen ist.

Sehr erfreulich zu hören, dass wir es mit unserem GoSee Newsletter tatsächlich auch auf Deinen Desktop schaffen. Was schaust Du Dir in den News oder auf unserer Seite an? Naturgemäß bleibe ich eher bei den Editorial-Arbeiten hängen, aber ich scrolle immer durch alles durch, nehme Anregungen und Trends auf, schaue nach Talenten, die ich noch nicht kenne. Dabei spricht mich vor allem das Ungewöhnliche, das Ungesehene an.

Bei soviel Fotografie fragen wir uns, ob Du Dich auch zu Hause mit Bildern umgibst. Sammelst Du Fotografen oder hast Du hier ein anderes Steckenpferd? Ich bin keine Sammlerin. Aber wenn ich jetzt so über meine sich biegenden Regalreihen voller Fotobücher schaue, bin ich da nicht mehr ganz so sicher...

Hast Du einige Hamburg-Tipps  für unsere Leser, eine unbekanntere Galerie, ein Antiquariat, Deine Lieblingsbar? Hamburg ist eine schöne Stadt, um draußen zu sitzen. An Vormittagen kann man in der Sonne vor der Pony-Bar, direkt neben dem tollen Abaton-Kino, schönen Menschen beim Vorbeigehen zuschauen. Leider muss ich zu der Zeit immer arbeiten. Hamburg hat auch eine oft unterschätzte Galerienszene für junge und neue Kunst und Fotografie. Da möchte ich jetzt keine herausheben. Obwohl, doch: Robert Morat zeigt Fotografie auf kontinuierlich hohem Niveau. Mein Tipp wäre aber, sich mal die Webseite zur nächsten Phototriennale im Juni anzuschauen, da sind die meisten gelistet. Aber auch ein Besuch in kleinen Independent-Galerien wie dem Hinterconti in der Marktstrasse, der Sfeir-Semler Gallery in der Admiralitätstrasse oder bei White Trash Contemporary am Paulsenplatz lohnt sich oft.

Wer jetzt wissen möchte, was es mit 'Meine Mutter Hannelore', 'Abgefahren', 'Der Zweite Blick', .... auf sich hat, der schaut sich das tolle Artwork auf GoSee an. Wir zeigen Euch an dieser Stelle einige Arbeiten von unserer GoSee-Freundin Frances die im STERN erschienen sind.

About - STERN. Henri Nannen created the magazine out of the youth paper Zick Zack and the first issue appeared on 1 August 1948. This was possible after obtaining a license from the British military government to rename Zick-Zack to Stern, for which Nannen had taken over the licence a few months before. The first issue had 16 pages, with the cover showing actress Hildegard Knef.[6] Nannen also edited the magazine of which headquarters is in Hamburg. In 1965 the magazine was sold to Gruner + Jahr. stern.de